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Erzählung des Reiseschriftstellers Karl von Winzer (1886)

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Offline Kalle Eberle

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    • das 'alte' Außerfern
Aus: Wiener Zeitung, 1886

Sommerbriefe





Carl Spitzweg - Der Geologe (etwa 1860)


...ich hänge mir also den Rucksack um, greife zum richtigen Wanderstabe in deutschen Landen, zum Regenschirme, und ändere von Grund auf das Tempo sowohl wie die Richtung. [...] Es sind zwar keine neuen Wege und Orte, indeß jeder sieht sie mit neuen Augen und wirft neues Licht auf die bekannten Gegenstände, so daß dem Leser doch wieder Neues geboten wird...

Die bairischen Alpen fallen schroff ab gegen die weiten Hügellande, die sie überragen, und sind an großen Strecken von diesen durch sumpfige Flächen geschieden. Daher sind die zahlreichen Eingänge sehr ausgesprochen wie Thore, man durchschreitet nicht erst lange Gebirgstheile von minderen Elevationen, die doch noch zu den Alpen gehören, wie es so oft in Ober- und Nieder-Oesterreich der Fall ist. Solche Thore sind bei Oberndorf, Hohenschwangau, Oberammergau, Partenkirchen, am Kochelsee, bei Tölz, Tegernsee, Schliersee, am Inn und an der bairischen Traun eine große Zahl. Aber sie führen alle in das ganz nahe Tirol oder in das Salzburger Land...

Am Plansee in Tirol

Im Fremdenbuche auf dem hohen Peissenberg stehen folgende Verse aufgezeichnet, am Pfingstmontag dieses Jahres von einem Bürger der Nachbarorte eingeschrieben:

 Drüben liegt in grauer Färbung
 Uns'res Königs Lieblingssee.
 Kann heut' nicht hinunterblicken
 Ohn' der Seele tiefstes Weh.
 Drüben ragen Schwangau's Zacken
 Eingehüllt in Wolkenflor,
 Düster lagern sich die Wolken,
 Alles kommt mir traurig vor!


Solche Klänge aus den breiten Schichten deuten auf viel Herz und hohe Cultur, und wir steigen jetzt in Gaue nieder, wo das Herz geblutet hat, wo das ganze Volk eine große Anhänglichkeit an die Person des verunglückten Königs hatte und von der Katastrophe tief erschüttert worden ist.
Am südlichen Rande des Berges, wo dieser schroff abfällt, blickt man über wellige Hochlande hinaus auf das ganze Gebiet hin, welches den hohen Einsiedler mehr und mehr gebannt hielt, durch seinen eigenartigen Zauber sowohl als durch die Nester, die er sich hineingebaut hatte, um seinem beschaulichen Dasein zu fröhnen. Rechts ragen die Zacken auf, an deren Fuße Hohenschwangau und Schwanstein steile Felsen krönen, von Seen umflutet; daran schließen sich die Felskronen des Plansee, an dessen Ufer entlang die Straße nach Linderhof kunstvoll gebaut ist, dann kommen die Eingänge nach Oberammergau und Partenkirchen, über denen die mächtigen Wettersteine silberglänzend in den Aether ragen. Hoch an den Wänden dieses Gebirges klebt wie ein Schwalbennest das Königshaus auf der Scharte. Links schließen dieses Gebiet ab der Heimgarten und der Herzogstand und die Karspitze, unter welcher an den Zoidenseen das Schloß steht, während phantastische Sommerhäuser auf den Höhen verstreut liegen. Alle diese Oertlichkeiten sind durch gute Fahrwege verbunden, und das königliche Gespann jagte von einer zur anderen. So war das ganze Volk gewöhnt, den Herrn jahraus, jahrein zu sehen, während die Millionen im weiten Königreiche ihn nur noch aus Photographien kannten...

...denn nun heißt es diesen Waldwegen nachgehen, um endlich einmal wieder irgendwo eine menschliche Spur zu finden. Da fehlt aber auch jede und der Mensch selbst dazu. Es überkommt einen nach und nach in diesen tiefen Bergfalten unter den düsteren Schrofen ein Gefühl der Bangigkeit, das auf den Höhen in den weitesten Oeden nie vorkommt, eine innere Beklommenheit. Bei irgend welchem Zufalle, der einen verhinderte, weiter zu schreiten, könnte man hier, wie mir nachher Eingeborne bestätigten, tagelang auf einer so schön und freundlich anzuschauenden Straße liegen, ohne daß Hilfe käme. Der Weg war eben nur für einen König gebaut. Endlich kam eine menschliche Spur, und zwar eine sehr bedeutsame, der schwarzgelbe Pfahl mit der Aufschrift: "Gefürstete Grafschaft Tirol". Die Berge wurden immer gewaltiger, der Wald immer dichter, bedeutender, hochstämmiger, einmal ein echter, wirklicher Wald... [...]

...führte mich um so rascher zu einem Hirtenbuben, dem ersten Menschen, dem ich dann auch gleich nützlich sein konnte. Er frage mich nämlich sehr hastig, wo ich Vieh gesehen hätte, und daß ließ mich darauf schließen, wie der arme Kerl gegen Abend manchmal in den Wäldern und Schluchten umhersuchen mag, um die Heerde nach der Sennhütte zu bringen. Ich erreichte dann diese Hütte oder vielmehr diese große Schweig, setzte mich auf den Brunnentrog...

forelle plansee gasthof
Gasthof Forelle

hotel forelle  plansee  zollstationGasthof Forelle und alte Zollstation

plansee forelle thaneller tauern
der Plansee

kaiserbrunnen kaiserbrünnele plansee
der Kaiserbrunnen
...gegen die Dämmerung erreichte ich den Plansee und das kleine Einsame Wirthshaus "Zur Forelle", in dem ich gute Unterkunft fand, um von langer Wanderung zu ruhen.

Bei der Wanderung durch die Waldschluchten vom Linderhof hinauf waren Einsamkeit und Verlassenheit die naturgemäßen Erscheinungen, nun aber breitet sich vor den Augen ein großer, lichtblauer See aus, von schönen Bergen mannigfach umgeben, und dieselbe Einsamkeit bleibt bestehen. Ebenso dauert sie, wie mir ein vorbeiziehender Wandersmann mittheilte, jenseits des Sees noch Stunden weit fort, und ich selbst erprobte sie in einer dritten Richtung gegen Partenkirchen hinaus den folgenden Tag — ein großes, schönes, unbewohntes Land! Das kleine Wirthshaus „zur Forelle", das Haus des Grenzwächters und eine Sennhütte sind die abgelegene Oase, die dem Wandersmann in diesen furchtbaren Waldöden Labsal und Ansprache bieten. Ein paar Fischerhütten am jenseitigen Ufer, die dem Wirthe gehören, sind außerdem das einzige Zeichen von Menschenleben, keine Laubhütte, kein Heustadel, nichts derart ist sonst zu sehen. Auf den Bergen sind keine Almen, denn weit und breit ist keine Ortschaft, die sie beschicken könnte, es führen keine Wege auf die Höhen, denn niemand wohnt hier, der sie besteigen könnte, man kann keinen Führer zur Besteigung dingen, denn wo sollte der hergenommen werden! Das ist wohl heutzutage in unseren Alpen ein staunenerregender Anblick. Der Wirth ist von seinen Vätern her der Eigenthümer dieses ganzen Sees und eines zweiten, der sich daranschließt. Er und sein Vater besorgen ganz allein den ausgiebigen Fischfang. Eine gute Stunde gegen Westen, am Seespitz, den man von hier aus nicht sehen kann, hat ein Bozener Wirth für die Sommermonate eine zweite Wirthschaft aufgeschlagen, und der darf nicht einmal einen Kahn auf dem Wasser haben, weil dieses volles Privateigenthum ist.

Unmittelbar am steilen Ufer des Sees zieht sich eine Kunststraße hin, von König Max von Baiern zu seiner eigenen Bequemlichkeit erbaut und den sonderbarsten Gegensatz bildend zu dieser unbewohnten Welt. Kein Stellwagen benützt sie — wo sollte er hinfahren? Ganze Tage kommt kein Fuhrwerk des Weges, es ist auch keine Postverbindung mit der „Forelle" vorhanden. Die Briefe der wenigen Sommergäste, die sich aufhalten, werden durchwandernden Bauern und Hirten anvertraut. Von vier Gemeinden Tirols, die zunächst Vortheil von diesem vortrefflichen Wege haben, ist dem Könige auf der stillen Wiese ein Denkmal errichtet worden mit einer Inschrift, welche den Dank für die Wohlthat ausspricht. Ein anderes, sehr hübsches Denkmal, mit steinernen Ruhebänken zu den Seiten, hat der König dem Kaiser Ludwig dem Baiern errichtet, der hier gejagt hat. Es ist wohl irrthümlicher Weise den zweiköpfigen Adler daran angebracht, der, so viel ich weiß, dem Hause Oesterreich gehört. Man spaziert also von Baum zu Baum, von Fels zu Fels, ohne Ziel, nimmt ein Bad, unmittelbar an der Straße, ohne die Besorgniß, es möge jemand des Weges kommen, und flüchtet sich wieder zu dem kleinen, verbannten Rudel Menschen. Aber das Wirthshaus macht seinem Namen Ehre. Forellen und Saiblinge werden einem aufgetischt von ungewöhnlicher Größe und Güte, und ein vortrefflicher Tiroler-Wein dazu credenzt. Das mundet nicht übel auf all die Kalbschnitzeln mit Bier der letzten Tage! Dahin lenke seine Schritte, wer sich einmal an guten Fischen sattessen will. Am Abend waren die Kinder zu Bett gebracht, der Wirth war auf dem Fischfange drüben und blieb auch die Nacht in der Fischerhütte, weil Abends spät und Morgens ganz früh die ergiebigsten Stunden sind, und die übrige kleine Menschengruppe saß vollzählig mit mir am Tische, die Frau Wirthin, der Grenzwächter, die Kellnerin, der Hausknecht und die beiden Mägde. Es wurde ein Kartenspiel hergenommen...


Winzer setzt seine Reise über die Neidernach fort, besucht Partenkirchen und Mittenwald und steigt über den Zirler Berg hinab nach Innsbruck. Es dauert mehrere Wochen, bis er wieder den Weg in Richtung Plansee einschlägt. Was ihn aber dort erwartet, soll er selbst berichten:

...von Oberammergau [...] nach Reutte ist eine Stellwagenfahrt eingerichtet worden, und den ganzen Tag über halten außerdem große und kleine Fuhrwerke an der Thür des einsamen Hauses. Durch die Küchenthür sieht man die erhitzten Gesichter des überarbeiteten weiblichen Personales, das kaum den Anforderungen gerecht werden kann, und die kleinen Räume sind gedrängt voll Hungriger und Durstiger aller deutschen Zungen, eine wahre Völkerwanderung. Das ist seit der Beschreibung, die ich vor wenigen Wochen gemacht habe, ein sehr verändertes Bild, ein Treibhausgewächs. Ich bin von Innsbruck hierher gekommen durch das Gais-Thal, das sich von der oberen Leutasch zwischen den Wettersteinen und der Zugspitze einerseits, den beiden Mundi, der hohen Wand und der Sonnenspitze andererseits gegen Ehrwald hin aufwärts zieht. Eine Stunde vor Ehrwald ist die Wasserscheide, und von dort geht es schroff hinunter in das Lermoser-Thal. Das Gebiet des Gais-Thales ist ein Almengebiet, und die Bergkolosse steigen aus demselben in unmittelbarer Nähe des Wanderers in wahrhaft erschreckender Größe und Majestät himmelhoch an, von ungeheuren Schluchten durchrissen, in die sich die nackten Schrofen hinab ­stürzen. Das geht stundenlang so fort in reichem Wechsel, ein Anblick, der Einen geradezu überwältigt.

Dies sei Freunden einer ganz großartigen Gebirgswelt gesagt, damit sie vom Inn-Thale aus diesen verhältnißmäßig kleinen und mühelosen Abstecher machen. Es wird kaum Einer in den ganzen Alpen ein erhabeneres Schauspiel wiederfinden, der im Thale wandert... [...]


Der Linderhof

Auch ein Besuch des Schlosses Linderhof bietet ein ähnliches Bild für den Wanderer. Auch hier überrennen die Massen das einst stille Schloss des Märchenkönigs:

schlosspark linderhof
Schloss Linderhof


in der Hundingshütte

Hundingshütte


Reste der Hundingshütte
In welchem Grade man an maßgebender Stelle diese Auffassung der Sache hat, das geht am besten aus der Art hervor, wie dieser geheimnißvolle Sitz des königlichen Einsiedlers gleich nach seinem Tode zu einem Objecte öffentlicher Schaulust umgestaltet worden ist. Wohl sind allerorten königliche Schlösser und Gärten dem Publicum zugänglich, es ist die Macht der bildenden Kunst, die der Menschheit dieses Servitut verschafft; daß man aber in einem solchen Anwesen Tafeln aufschlägt mit Pfeilen und Aufschriften: „Zur Casse", „zum Kiosk", „zum Wasserfall", „zur Grotte" ec. ec., daß man im Garten eine Wirthschaft aufzuschlagen erlaubt, in der die Tische von Bier schwimmen, die schwitzenden Kellnerinnen hastig hin und her schießen, Alles durcheinanderschreit: „Mir eine Maß!" „Mir eine Suppen!" „Ein Wiener Schnitzel!" „Zahlen!" das heißt den Ort preisgeben! Und so weh dieser Anblick thut, man kann doch im Grunde dieser Auffassung der Sache nur zustimmen. Der Lieblingssitz des Königs sinkt mit ihm dahin.

Ganz anders aber wirkt auf den Beschauer die Hundingshütte! Denn in der Nähe des Linderhofes hat der König noch an drei Stellen Bauten errichtet, in denen er lange stille Stunden weilte, einen Hubertus-Tempel, ein Marocco und die genannte Hütte. Der Hubertus-Tempel steht nahe bei jener Sennhütte, von der ich im Juli erzählt habe, tief im Walde.

Eine junge Sennerin führte mich dahin. Es ist ein länglicher Bau mit einer Kuppel in der Mitte, nur im rohen Ziegelbau vollendet, während noch Steine, Sand und Kalk um ihn her aufgehäuft sind, ein Anblick, der tiefe Wehmuth erregt. Die Sennerin war oft im Innern und erzählte von Gemälden, den König selbst, Apostel und Heilige darstellend. Das Innere der Kuppel hatte schon ein Mal in prachtvoller Ausstattung mit schönen Gemälden dagestanden. Da ließ der König sie wieder einreißen, weil sie ihm nicht hoch genug erschien.

Marocco habe ich nicht aufsuchen können an dem strapaziösen Tage. Die Hundings-Hütte aber ist ein Wunder. Es ist eigentlich ein erbautes Bild oder Gedicht, aber ein hochgeniales, das des Königs geistreiche Erfindungsgabe in bewunderungswürdiger Weise zur Darstellung bringt, eine eminent selbstständige Schöpfung, ein Unicum auf der ganzen Welt. Die Vorstellung liegt zu Grunde, daß ein gewaltiger Recke aus prähistorischer Zeit mit den rohen Mitteln seiner Zeit einen originellen Fürstensitz geschaffen hat, ohne noch klar den Unterschied zu kennen zwischen dem, was wächst und was künstlerisch entsteht, ein Urblockhaus. Tief im Walde steht der mächtige Kasten aus Rundbalken aufgeführt, dicht an einem kleinen Wasserbecken, von Wasserpflanzen umwuchert. Ein plumper kleiner Einbaum liegt am Ufer. Der Brunnentrog neben dem Hause ist aus einer riesigen alten Birke gehöhlt, und die stehende Röhre zeigt durch einen Aststumpf die Gestalt eines Thieres, das aus den Nasenlöchern das Wasser speit.
Das Innere ist ein hoher, dämmeriger Saal, in dessen Mitte wie die Stützsäule in einem gewölbten Raume ein tausendjähriger dürrer Baumstamm steht, dessen Aeste wie Stützen an die Decke reichen. Tief in diesen Stamm ist das Hunding-Schwert eingestoßen. In langen wilden Falten hängen hie und da Teppiche an den Wänden nieder, von rohem Segeltuche mit mattem schmutzigen Grün in allen Mustern bemalt wie Gewebe. Darauf hängen Waffentrophäen, Streitäxte, Schwerter, Schilder ec. Der offene Herd aus rohen Steinblöcken steht in der Ecke unter einem schrägen Dache, umgeben von liegenden Baumstrunken, auf denen Wolfs- und Bärenfelle mit den Köpfen liegen. Neben diesem Herde führen ein paar Stufen in die Höhe zu einem offenen Raume, in welchem auf plumpen Riegen alterthümliche Schüsseln stehen. Daneben ist die kleine Küche, in der man wirklich kochen kann. Dieser Seitenöffnung gegenüber steigt man ein paar Stufen in die Höhe in das Ruhecabinet, möblirt mit einem Lager aus Lammfellen und einem rohen Tische, am kleinen Fenster, um den Baumstrunke mit kleinen Lederpolstern stehen.

Dahin verfügte sich der König, sobald er angekommen war. Ein Armleuchter mit drei dicken Wachskerzen brannte auf dem Tische und er las stundenlang. Dann stieg er hinab an den Baumstamm, an den eine alte Bank gelehnt war mit einem rohen Tische davor. Auf dem Tische standen Leuchter aus Baumwurzeln gefertigt in phantastischen Gestalten. Ueber dem Tische hing an einem der Baumaste ein Kronleuchter aus Hirschgeweihen, die in ein Holztrumm gefügt waren, dessen herabhängendes Ende, wie die Traube an den Lampen, durch ein Spiel der Natur ganz wie der Schädel eines Hirsches aussieht. Ueberall sonst im weiten Raume brannten Wachskerzen. Da speiste der König. Von der Wand, auf die er blickte, stierten ihn zwei riesige Auerochsen an. Daneben hing ein Mantel aus Bärenfell. Hüfthörner hängen an den Pfosten, die Fensterstöcke bestehen aus rohen Birkenzweigen, der Fußboden ist mit Strohmatten gedeckt, auf dem Herddache schleicht ein Lindwurm hin, viele Astenden des alten Baumes gleichen Köpfen von Ungeheuern. Nach dem Essen hing der König den Bärenmantel um (im Winter natürlich, wo er mit Vorliebe hier weilte) und ging auf kleinem Pfade an die Klause. Diese liegt am Schlusse einer Lichtung, von Tannen umragt, unter einer mächtigen Tiroler Wand, die den schönen Namen „die Sperberköpfe" trägt. Sie ist fast unbeschreiblich. Ganz aus Stämmen, Zweigen und Rinden gefügt, ist sie ungefähr so anzuschauen, als ob ein Bau wachsen könnte und wäre wild ausgewuchert, und doch ist eine anmuthige Form bewahrt.

Im Innern ist wieder ein Ruhebett, dessen Vorhang sogar aus Strohmatten besteht, ein Betstuhl mit einem altbyzantinischen gekrönten Christus auf dem Kreuze darüber, ein kleiner Tisch mit einer Bank und ein offener Herd, neben dem gespaltenes Holz liegt. Dort saß der König wieder lange und las, das Feuer selber nährend, denn hier war nicht einmal ein Lakai bei ihm. Im Sommer saß er vor der Klause unter dem offenen Glockenthürmchen auf einem Baumstrunke, über den eine Strohmatte gelegt war. Wenn er zurück­gehen wollte in die Hütte, erhob er sich und zog das Glöckchen. Dann kam der Lakai mit der Laterne, ihn abzuholen. Die kleine Wiese vor der Klause war im Sommer mit den wunderbarsten Blumen dicht bepflanzt. Allen diesen herrlichen Sommerschmuck hat aber im Verhältnisse wenig gesehen, denn, wie gesagt, seine langen und Lieblingsaufenthalte lagen im Winter.

Im Ganzen hat er ein Viertel des Jahres hier zugebracht, denn er kam alle Monate ein Mal und blieb lange Tage, vom Linderhof aus die Dependenzen besuchend, fast ausschließlich Nachts. So hatte er auch am Plansee über dem Kaiserbrunnen ein Häuschen mit Stallung daneben (diese fehlt nirgends), in dem er oft weilte. Dann setzte er sich auf die Steinbank am Brunnen, vier große Laternen wurden um ihn her aufgestellt und der Tisch gedeckt. Dort speiste er und las dann wieder Stunden um Stunden. Mitunter stieg er in den Kahn und fuhr auf dem See umher. Bei diesem ganzen Aufenthalte hatte er absolut nur Dienerschaft bei sich, und keines Herrn Fuß hat den Linderhof betreten. Die überaus phantastischen Prachtschlitten, mit denen er diese Winterfahrten gemacht hat, sind beschrieben worden, seitdem sie in München in den königlichen Remisen zu sehen sind. Die ganze Straße zwischen Hohenschwangau und Linderhof mußte immer schneefrei gehalten werden, und hier fällt Schnee!

Beim Anschauen dieser mannigfachen Oertlichkeiten, die seine Wahl und seinen Geschmack bezeichnen, und bei der begleitenden Erzählung der Eingebornen hüllt den armen Geist eines regelrechten Sterblichen das Räthsel dieser sagenhaftesten aller Gestalten auf Erden immer tiefer ein; es ist als ob alle Schwärmerei der Deutschen sich noch einmal in diesem gekrönten Haupte concentrirt hätte, ein letztes, glänzendes, majestätisches Aufflackern, das an dem Strahl unserer rationellen Zeit über lang oder kurz verlöschen mußte. Und dieses Verlöschen ist vollbracht!


Die Bleckenau und die Königsschlösser

jagdhütte bayernkönig ludwig bleckenau
Bleckenau

neuschwanstein
Schloss Neuschwanstein
Ich kam von meinem Plansee zum vierten Male an jene Sennhütte im Walde [...]. Von dort führt ein Reitweg des Königs durch das Gebirge über Hochalmen nach Hohenschwangau. Gegen das letzte Drittel des Weges fand ich ein dunkelbraunes Blockhaus mit einer Galerie und weitvorstehendem, flachem Dache. Unten waren zwei Männer damit beschäftigt, das Gras sorgfältig von einem freien Schotterplatze weg­zukratzen, so wie es bei Villen geschieht. Auf meine Frage, wie sie hier oben zu der Gartenarbeit kämen, sagten sie: „Die Majestät kommt her." Da kam mir das Gruseln, als ob der Geist des Königs umginge, sie meinten aber die Königin-Mutter, die dieses einsame Häuschen manchmal besucht, dessen Namen Blökenau ist. Sobald ich durch das große Gitter in der Nähe getreten war, verwandelte sich denn auch der Weg in eine prachtvolle Straße, die sich durch eine herrliche, von gewaltigen Felsmassen überragte Waldschlucht in Windungen hinabsenkte. Nach geraumer Zeit sah ich vor mir eine Scharte zwischen zwei Felswänden von einer luftigen Brücke überschlagen, und wie ich, weitergehend, gespannt dahin blicke, was ist das? Was leuchtet da auf, was schwebt dort vor dir in der Luft? Es war das gewaltige neue Schloß, eine wahre Erscheinung. Es erhebt sich außerhalb dieser Scharte auf einer Felsrippe. Aber es hänselt auch den Wanderer auf diesem Wege nicht übel, denn er ist schon dort, er könnte mit einer Armbrust in die Fenster schießen und muß nun wieder eine halbe Stunde weit davon gehen, fortwährend bergab, um beim alten Schlosse seine Karte zu lösen. Dann geht er auf einer anderen Straße wieder hinauf.

Das Schloß steht im Zusammenhange mit der Wartburg, dem Coburger Schlosse und dem hohen Zollern. Es krönt aber nicht einen Berg wie diese, sondern es pickt an großen Felswänden. Wenn es nicht so groß wäre wie ein mächtiger Dom, so würde es an seiner Stelle verschwinden, so aber hält es den großen Gesteinen vollkommen die Waage und imponirt ganz gewaltig. Mit der Vergangenheit hängt es in ganz anderer Weise zusammen als die oben genannten ehrwürdigen Bauten und das alte Schloß Hohenschwangau. Es ruft nur einen uralten Styl wieder ins Leben, in einer Größe, in der er zu seiner Zeit nie ausgebildet worden ist, und vergegenwärtigt an seinen bemalten Wänden den ganzen deutschen Sagenkreis. Auf einem geschichtlichen Boden steht man nicht wie bei den anderen, und die kleinen reizvollen Zufälligkeiten, die auf jenen erhalten worden sind, fallen demnach weg. Es ist aber um so viel geläuterter und einheitlicher, ein mächtiger Gedanke in Steinen ausgebaut.
Ich kann jetzt nur diesen Eindruck wiedergeben, eine Beschreibung ist mir unmöglich, sie existirt ja auch schon gedruckt, und die Gruppe Neugieriger, mit der man hindurchgehetzt wird, kann nur einen Gesammteindruck davontragen. Von diesem aber ist Alles, Groß und Klein, wahrhaft verblüfft.

Es macht einen äußerst wohlthuenden Eindruck, wenn man nach diesem Wunderbaue das alte Schloß besucht. Schon die Inschrift über dem Thore: „Erbaut vom Edeln von Schwanstein im zwölften Jahrhundert" versetzt in die wirkliche romantische Stimmung...


Wieder in Tirol

Der Fußwanderer darf jetzt von Hohenschwangau auf dem Königswege in das Lech-Thal und gen Reutte gehen, einem breiten Parkwege, der durch wunderschönen Wald hoch am Ufer des Alpsees hinführt und nach geraumer Zeit erst in die Heerstraße einfällt, eine Straße, die sich nach zwei Richtungen verzweigt, ein Mal in der Richtung Imst über den Fernpaß und ein Mal über Weißenbach am oberen Lech durch das Thannhainer Thal nach Sonthofen, Lindau u. s. w.
Den Lech selbst weiter hinauf führt nur ein Straßel, bis man zu Fuß über hohe Joche weiter muß. Dies auszuführen, war meine Absicht, ich wäre dann von oben ins Allgäu hineingestiegen und nach Obersdorf gelangt. Aber gegen Weißenbach zu zeigte der junge Flußgott nicht viel, was Einen anlockte, weiter mit ihm zu verkehren, lange knochige Glieder und ein ausdrucksloses Gesicht. Bei Reutte dagegen ist das Lech-Thal so schön, daß man es nur neben den schönsten nennen kann, eine sehr ausgedehnte Mulde, von großen Bergketten umschlossen, mit weiten Hinblicken in ferne Schluchten und Thäler, dabei lachend und mit Wohnorten übersäet, während der Lech eine leuchtende hellgrüne Farbe hat. Dann aber wird sein Bett schotterig, füllt das ganze Thal aus, und die rauhen Anhänge fallen steil hinein, fast gar keinen Raum für Weide und Feld lassend. Trotzdem ist zum großen Unterschiede von den Thallanden, die ich bisher beschrieben, Alles gedrängt voll Häuser und Ortschaften, so daß man keinen Schritt geht, ohne welche im Auge zu haben. In Weißenbach ließ ich mir sagen, daß der Weg nach Hindelang der schönere sei, und änderte meinen Plan für den kommenden Morgen [...].

weißenbach weissenbach künstlerkarte
Weißenbach

stegmühle gaicht gacht gachtpass köllenspitze tannheimer tal
Partie am Gachtpass

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Tannheim

schattwald wies
Schattwald

ornach oberjoch tannheimer tal zugspitze
am Oberjoch
Die Häuser des Dorfes, das ich am Abend durchstrich, unterscheiden sich wenig von denen des übrigen Tirol, aber gleich vom ersten Hause an fielen mir die Hausthüren auf, um dann bei näherer Betrachtung das höchste Interesse zu erregen. Fast jedes Haus hat heute noch eine solche Thür, die alle so alt sind, daß manche derselben aus dem vorigen Jahrhunderte stammen muss. Bei einer ist die Jahreszahl 1811 eingeschnitten. Aber diese jetzigen Thüren, allem Wind und Wetter ausgesetzt, sind zu ihrer Zeit nach den Mustern der Väter erneuert worden, denn diese Muster stammen aus dem sechzehnten Jahrhunderte und sind sehr schön. Die Einwohner früherer Zeit haben sich, wie die ältesten Leute noch wissen, diese Thüren selbst gemacht, und ich weiß nicht, ist es Pietät oder ist es, weil sie so dauerhaft sind, daß man sie bisher alle behalten hat. Sie sehen verwittert und zerstört genug aus und pfeifen heute, wie man zu sagen pflegt, aus dem letzten Loche. Das ist nun aber nicht beliebige Bauernholzschnitzerei, sondern Arbeit von dem Kunstwerthe der Schnitzereien in der Scuola di San-Rocco und in Perugia, nicht etwa daß Engelsköpfe und dergleichen daran angebracht wären, aber die Eintheilung der Fläche, die Zeichnung der Profile, die Ausführung der Stäbe mit Perlen, der Hohlkehlen mit Blattwerk, der Rosetten und jedes Theiles ist ganz vollendet wie aus griechischem Marmor.

Auch sind sehr seltene und ausgesprochene Motive dabei. Oft sind es Doppelthüren in der Mitte eines Doppelhauses mit einem breiten Pfosten in der Mitte, der dann eben so schön geschnitzt ist. Diese gewähren natürlich einen besonders reichen Anblick. Es ist meine Hoffnung, daß die vollkommen wahrheitsgemäße Erwähnung dieses werthvollen Fundes von Einem, der in der Lage ist, Derartiges schützen zu können, vor die Augen der Conservatoren österreichischer Kunstschätze komme, und daß hiemit der Anlaß gegeben sei, daß man für die Hebung des Schatzes sorge. Zu diesem Ende muß ein Zeichner oder Photograph den Auftrag bekommen, nach Weißenbach am Lech zu gehen und die Thüren sammt und sonders aufzunehmen, denn man kann nicht einen Haufen Thüren aufstellen, zwei aber sind darunter, die unbedingt eine große und wichtige Zierde eines Nationalmuseums wären, die man daher erstehen, den Leuten durch eine neue solide Thür ersetzen und in Wien in das Museum stellen muß. In wenigen Jahren werden die Leute anfangen müssen, die Thüren wegzuthun, und sie wissen gar nicht mehr, daß sie schön sind, die Ader ist in dem Orte vollständig ausgestorben. Welch ein feiner Kunstsinn hat früher an manchen Orten im Volke gelebt!

Von Weißenbach führt die alte Kunststraße, aus dem Felsen gehauen, mit mächtigen Substructionen und Ueberbrückungen steil hinauf durch eine enge Felsenklamm, in deren finsteren Tiefen die Wasser brausen. Dann erreicht man das Hochthal, ein so lachendes Gelände, daß sich die Wanderung zu einem ergötzenden Spaziergange gestaltet. In den weiten Wiesengründen zwischen mannigfachen Bergabhängen liegen die zahlreichen Ortschaften so nahe an einander, daß man von jedem Dorfe das nächste schon sehen kann. Der größte Ort ist Thannhain, das dem Thale den Namen giebt, nahe am hübschen kleinen Waldersee (Haldensee) und an einem zweiten sehr fischreichen, der in einer Seitenschlucht liegt. Der Wirth theilte mir denn auch gleich mit, daß dieses Thal wie das Lech-Thal entschieden übervölkert sind, so daß die Männer im Sommer wandern müssen, als Maurer, Stuccateure und sonstwie Arbeit suchend. Als vor ein paar Jahren das Dorf Neßelwängle abbrannte, waren nur Greise, Weiber und Kinder zugegen. Das Volk hier wie dort, das übrigens in der Erscheinung sehr abweicht von dem des übrigen Tirol und dem Vorarlberger gleicht, ist, wie ich mir erzählen ließ, sehr tüchtig und strebsam und sehr fromm.
In jedem Dorfe sitzt eine ganze Gruppe junger Studenten in den Ferien. Ursprünglich sind sie alle für die Theologie bestimmt, viele fallen aber ab zur Philologie und Medicin. Von einer Nationaltracht sind keine Spuren mehr zu sehen, die Landleute gleichen den kleinen Bürgern in den Städten. Alte Leute erzählen denen der jetzigen Generation, daß früher getanzt worden ist. Jetzt weiß Keiner mehr etwas vom Tanze, selbst bei Hochzeiten nicht. Sie haben nur Unterhaltungen mit Gesang. Die Bauart der Häuser ist sehr gemischt, wie in einer Uebergangszone. Man sieht uralte
Blockhäuser und eben so alte, mit zierlichen rundgeschnittenen Schindeln bedeckt (nicht größer als ein Theresien-Thaler.) In der Mitte des Hauses sind etwa sechs Reihen dieser Schindeln in Blattform geschnitzt und abwechselnd bunt angemalt, so daß eine Gurte um das Haus läuft. Vom letzten Tiroler Orte Schattwald biegt die Straße aus dem Thale ab und steigt ein Joch hinan gegen das Algäu.

Zum ersten Male in diesen sieben Wochen bin ich hier gewandert, ohne die Höhen zu sehen. Alle Regentage und Stunden habe ich bisher in Wirthshäusern abgewartet, und es regnete auch jetzt nicht, aber ein starker Nebel umfing Alles, ein Rauch, wie sie hier sagen, und ich weiß nicht, ob ich es bedauern soll. Ich habe mich an den Bergen ein wenig sattgesehen und kann besonders das Auge zu diesen geringeren Elevationen noch nicht wieder herabstimmen, seitdem ich so lange unter den Kolossen der Inn-Gegend geweilt habe. Das Joch aber, über das ich schritt, ist ein unermeßliches strotzendes Weidegebiet, das durch den Nebel einen wunderbaren Zauber bekam.
Von allen Seiten her hörte man das Geläute großer Heerden, und hie und da lag in einer weiten Mulde eine große Käserei. Auch sah man überall Hirten und Arbeiter mit der Sense. Diese ganze große Milch­industrie auf einsamen Höhen, an der so viele Menschen der Thäler und Außenländer Theil haben, machte einen großen Eindruck. Bis zwanzig Stunden hinaus ins Flachland wohnen Bauern, die ihr Vieh in diese Höhen bringen. Für den Betrag von zehn Mark wird ihnen das Jungvieh den ganzen Sommer hier gefüttert, und für die Milchkuh bekommen sie im Herbste je nach der Ergiebigkeit ihren Antheil gezahlt. Das Vieh wird stark und feist wieder in ihre Hände geliefert. Es übernachtet im Freien, und die Stallung ist nur der Unterstand zum Melken. [...] Alle Gemeinden behalten aber Heerden beim Dorfe, und die Leute des großen Käsers gehen in hochgelegenen Dörfern auch von Haus zu Haus, sechs- bis achthundert Liter täglich von den Häusern wegkaufend. Käse und Butter werden im Großen für den Handel fabricirt. In das Thannhainer Thal sind diese Unternehmer erst seit zwanzig Jahren vorgerückt, und seitdem hebt sich der Wohlstand bedeutend. [...]

Auf der Höhe des Joches liegt die kleine Ortschaft Oberjoch, die höchst gelegene des Königreiches Baiern, durch die eine Kunststraße führt. Von dort geht die Straße steil bergab in das Hindelanger Thal, das mit seinen grünen Matten aus der Tiefe schon heraufschimmert. In Hindelang ist Alles verschieden von den Tiroler und bairischen Orten. [...]

In Tirol sitzen alle Männer mit den Ihrigen Abends auf Bänken vor den Häusern, und alle Abende habe ich, ganz wörtlich genommen, mit der Frau Wirthin ganz allein in der großen Wirthsstube zugebracht, auch nie einen anderen Gast neben mir gehabt, außer natürlicher Weise in der „Forelle" am Plansee. Und hier sind alle Männer, die gesund sind, für den ganzen Sommer verschwunden, um oben in den großen Käsereien zu arbeiten...



 
« Letzte Änderung: 19.08.2021, 12:24:24 von Kalle Eberle »


 

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