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Merkwürdigkeiten auf meiner Herbst-Ferien-Reise durch einen Theil Tirols (1824)

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Offline Kalle Eberle

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    • das 'alte' Außerfern
Aus: Der Bote für Tyrol (1826); Magnus Beyrer

Die Original-Fußnoten habe ich in den Text mit eingebaut und erscheinen in dieser Form. Sie werden beim Darüberfahren mit dem Mauszeiger sichtbar.

"...steil und ermüdend ist der Weg den hohen Arlberg hinan; in Felsen gehauen führt er an manchen Stellen über schwindelnde Abhänge, in deren Tiefen ein Waldstrom über Klippen braust. Endlich gelangt man keuchend auf eine wilde Alpe, steinig und öde, in ihrer traurigen Stille nur durch das Sausen des kalten Windes und das Rauschen der Bäche unterbrochen. Hin und wieder stehen die Hütten armer Leute, durch ihre Mittellosigkeit der unfruchtbaren Natur ähnlich, und verbunden mit ihr durch ein gleiches Loos; gerade als ob sie beweisen wollten, daß es dem Menschen möglich sey, sich mit den Schrecknissen jeder Himmelsgegend zu verbrüdern und auch da zufrieden zu leben, wo der verzärtelte Weichling eine Hölle zu sehen glaubt.

Mit Beseitigung vieler Schwierigkeiten und mit sehr großem Aufwande wird gegenwärtig auf der Westseite des Gebirgs auf Staatskosten eine große, vor den an der Ostseite (wo der alte Weg führte) gefährlichen Schneelavinen gesicherte Straße erbaut. Dieses ausgezeichnete Werk ist ein sprechender Beweis, wie viel die vereinigten Kräfte zu bewirken vermögen, und wie wohlthätig sie die Verbindung entlegener, durch Wüsteneien geschiedener Länder erhalten und sichern.

Im untersten Theil dieser Hochalpe, bevor man in die tirolischen Thäler niedersteigt, gelangt man zu einem Hospitium (St. Christoph), das der Edelmuth eines armen Hirten zur Rettung hülfloser, auf diesen Höhen in den ungeheuren Schneemassen verunglückter Menschen in früheren Zeiten gestiftet und die Wohlthätigkeit biederer Menschenfreunde bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Es besteht aus einem Wirthshaus und einer Kapelle, die mit demselben gegen Mitternacht zusammenhängt. Darin stehen drei Altäre. Der Hochaltar ist eine neuere Arbeit. Die Nebenaltäre hingegen sind vielleicht fast eben so alt, als die Kapelle selbst. Das Gemälde des Hochaltars stellt die Himmelskönigin dar, auf Wolken von den Engeln getragen. Auf dem Nebenaltare rechts sieht man nach alter Art aus Holz geschnitzt die Krönung Mariens durch die heil. Dreieinigkeit. Daneben befinden sich die Statuen der heil. Christina und des heil. Jakobs des Größern, gleichfalls aus Holz gebildet. Oben ruht das Lamm der geheimen Offenbarung, ein Zeichen des Sühnopfers, das die Gottheit selbst für der Menschen Schuld sich dargebracht hat. In der Mitte befindet sich ein kleiner, hölzerner Tabernakel mit der Jahrszahl 1653...

[...]

Von St. Christoph bis in das erste tirolische Dorf St. Anton senkt die Straße sich allmälich in das Stanzerthal hinab, so daß der Arlberg von dieser Seite aufwärts viel leichter zu befahren ist, als von der entgegengesetzten. Um den Umweg über Landeck nach meiner Heimath zu vermeiden, verließ ich die Landstraße und überstieg das Almejurerjoch. Rauh und ermüdend ist der bei drei Stunden lange Weg auf die Spitze des Hochgebirges. Wildbäche rauschen von dessen Giebel nieder in den tief unten dem Inn entgegentobenden Krabach. Unkundig der selten betretenen Steige kämpfte ich mich durch Hecken und finstere Waldung ohne Begleiter und Wegweiser mühsam hinauf. Die Hoffnung des Genusses nie gesehener Naturschönheiten, die ich auf den Höhen ahndete, gab meinen Gliedern ausdauernde Kraft, und leitete meine Schritte. Ich gelangte endlich auf eine nicht unfruchtbare Viehalpe und durch dieselbe auf das Haupt des Joches. Verwitterte, durch den zerstörenden Einfluß der Elemente in geschieferte Schichten zertheilte Steinmassen ragen hoch empor, und bilden die Spitze. Wohin sich der Blick wendet, es begegnen ihm allenthalben die kahlen Felsenscheitel riesiger Alpenstöcke, und in blendender Ferne, in ewig weißem Feierkleide, schauen ihm majestätisch ernst die eisgekrönten tirolischen Gletscher entgegen. — Hinauf zu den Höhen der Gebirge, wenn du tief unten im engen Kreise der Alltäglichkeit begraben liegst! Dort lerne erkennen die Größe deines Vaterlandes und fest dafür stehen, wie seine Berge!

[...]

Neugestärkt zur fernern Wanderung stieg ich auf der entgegengesetzten Seite von den Höhen nieder, durch finstere Thalgründe die eilenden Schritte gegen das Lechthal gewendet. Eine rauhe Alpe mit einigen Sennhütten war die einzige Stätte, welche die frühere Anwesenheit von Menschen in dieser schauerlichen Einöde beurkundete. Fürchterliche Abgründe von verheerenden Wildbächen durchwühlet, umdräuen den schmalen Pfad; vom Alter und den Orkanen chaotisch übereinander gestürzte Baumstämme versperren ihn allenthalben. — Auf der einsamsten, schwer zu erklimmenden Stelle begegnete mir im späten Nachmittage ein Mensch aus dem Stanzerthale mit einem Rückkorbe hart beladen, aus welchem gar poßierlich ein Kalbskopf hervorsah. — „Wohin, guter Freund, mit deiner schweren Last?" — „Ueber'n Berg nach Gries. — Hab da a Kalb. S'ist freilich schwer zu tragen; aber was thut man nit, wenn man Weib und Kind hat und sich a'n Kreuzer verdienen will?" — Er trocknete sich hierbei das vom Schweiße triefende Gesicht und stellte seine Bürde auf einen Stock, um etwas auszuruhen. Wir redeten eine zeitlang mit einander. Der Mann war trotz dem, daß er wöchentlich diesen und noch beschwerlichere Wege, wie er sagte, hartbeladen zu machen hatte, fröhlichen und heiteren Sinnes. Für sein gutes Weib, meinte er, und seine lieben Kindlein könne man alles thun. — Tiefgerührt im Herzen gab ich ihm meine Hand, wünschte ihm Glück auf den langen Weg, und gieng gedankenvoll weiter. - Wo lernt man ächte Lebensweisheit? In den Treibhäusern der Kultur— in Städten— oder zwischen den Alpen unserer Heimath, wo die Menschheit noch unentweiht ihren reinen Sinn bewahrt?

[...]

Nach einem höchst anstrengenden Marsche von mehreren Stunden durch die weitschichtige Kaisersalpe erreichte ich endlich, ermüdet und voll Hunger, den Ort Kaisers im Nebenthale gleiches Namens. Meine erste Frage war nach einem Wirthshause. Doch ein solches Ding kannte man hier nicht. Also mußte ich bei einem Bauer mit weniger Milch und etwas rauhem Brod vorlieb nehmen. Noch nie hatte sich mir die Wahrheit des Sprichwortes: „der Hunger ist der beste Koch" — mit einer so augenscheinlichen Evidenz bewähret.

[...]

Erst nachdem ich mich von meiner Müdigkeit durch eine kurze Ruhe erholet und neue Kraft zur Fortsetzung meiner Reise geschöpft hatte, fühlte ich mich in der Lage, die Beschaffenheit des Dörfleins und dessen Umgebung genauer zu besichtigen. Ein enges, erst seit einigen Menschenaltern der äußersten Wildheit abgewonnenes Thal umschließet ein, mit eisernem Fleiße zur Wiese aus einer Viehalpe umgewandeltes, Mittelgebirge, an dessen steilen, auf einigen Punkten fast senkrecht in den Kaiserbach hinabreichenden Rücken die Wohnungen der Menschen wie hingeklebt der öftern Gefahr ausgesetzt sind, von Orkanen oder herabgerollten Schneelavinen in die schauerlichste Schlucht hinab geschleudert zu werden. — Besser und sicherer liegt die Kirche und die Wohnung des Seelsorgers: sie sind auf einen vorstehenden Felsen gebaut, welcher durch einen ober ihm gelegenen Wald gedeckt ist.

Die sparsamen Aecker müssen an mehreren Stellen mit Erdreich, aus den ebnergelegenen Plätzen von den Bauern auf dem Rücken hinaufgeschleppt, bestellet werden. — Es läßt sich denken, daß sie bei einer so gearteten Lage unmöglich nach ihrer ganzen Ausdehnung überall gleiche Früchte bringen können, indem ein häufig fallender Regen die höher liegenden Erdtheilchen zu unterst hinabspülend, die in ihrem Schooße gewachsenen Fruchtpflanzen der nothwendigen Erde beraubet, während die untern durch die zu große Menge derselben beinahe erdrückt werden. Darum ist auch der Nahrungszweig der Bewohner hauptsächlich die Viehzucht, die wohl auch zuverläßig die einzige Veranlassung gewesen ist, daß sich Menschen in dieser wilden und freudenlosen Einöde angebaut haben. Der Name des Ortes soll aus Kasers, von dem früher, als hier noch die Sennalpe bestand, gut verfertigten Käse (Kas), in Kaisers umgeändert worden seyn.

Ein schmaler, höchst unsicherer Fußsteig leitet an schwindelnden Abhängen das Thal entlang. Durch kein Geländer ist der Gehende vor der Gefahr des lebensgefährlichen Sturzes bei einem Fehltritte gesichert. Wohl aber finden sich sorgfältig bereitete Zäune an solchen Stellen, wo das Vieh, für den Bewohner dieser unfruchtbaren Wildniß die einzige und liebste Habe, der Gefahr des Falles ausgesetzt seyn könnte. Der Mensch bedarf keiner solchen Vorsicht. Ihn schützet seine von Jugend auf gewohnte Sicherheit des Trittes selbst über die abhängigsten Plätze des ihm wohl bekannten, heimathlichen Thales.

Nach einem beinahe zwei Stunden langen, höchst beschwerlichen Auf- und Niedersteigen gelangte ich endlich an das Ende dieses rauhen Weges, da, wo der Wildbach, der bisher immer mein gefürchteter Begleiter gewesen war, sich bei dem Dorfe Steeg in den Lechfluß ergießt. Dieser Ort ist der erste von Bedeutung, welchem der Wanderer bei dem Eintritte in den obern Theil des Lechthales begegnet.

Dieses sowohl in Rücksicht der Kultur als auch der Wohlhabenheit seiner Bewohner Aufmerksamkeit verdienende Thal erstreckt sich Anfangs von Westen in einer ziemlich geraden Linie gegen Osten, beugt sich dann in der Gegend des Dorfes Bach, und behält von da eine fast ununterbrochene nördliche Richtung bis nach Weißenbach, wo die Gegend von Reutte den Anfang nimmt. Seine Gränzen sind östlich die Oberinnthaler Gebirge (die sogenannte Imster- und zum Theil die Zamser-Alpe); südlich die Gebirgsreihe, welche es vom Stanzerthale scheidet; westlich die Algauer Alpenkette, und nördlich die Berge und Gegend um Weißenbach. Der Fluß, wovon das Thal seinen Namen trägt, entspringt hinter dem Dorfe Lech am Tamberg in der sogenannten Zug-Alpe, und stürmt von Lechleiten, welcher Bezirk noch zum k. k. Landgerichte Ehrenberg gehört, mit unbändiger Gewalt das bei zehn Stunden lange Thal hinab, allenthalben die Bedeutung seines Namens erprobend, vermöge welcher er in unserer Ursprache als ein durchreißender Fluß bezeichnet wird. Oft nimmt er einen bedeutenden Theil der Breite des Thales in Anspruch, welche in ihrer größten Ausdehnung nur eine geringe halbe Stunde beträgt. Besonders aber haben die Bewohner von Elmen und Stanzach von jeher vieles von der unbezähmbaren Gewalt des im Frühjahre durch plötzliches Schmelzen des Schnees, oder häufigen Regen, angeschwollenen Stromes zu leiden gehabt, und sahen sich nicht selten genöthiget, durch kostspielige, jedoch fruchtlose Gegenwehr ermüdet, den Kampf mit dem zerstörenden Elemente aufzugeben, und ihm die schönsten Auen zum Tummelplatze seines wilden Gewässers einzuräumen. — Nebst dem Hauptfluße giebt es auch manche, in ihn sich ergießende Wildbäche. Die größern und merkwürdigeren sind der obenerwähnte Kaisersbach, der Hehenbach bei Holzgau, entsteht auf dem sogenannten Madele (kleines Mahd), dem Gränzjoche zwischen Lechthal und Oberstorf — wohin daselbst ein kleiner Fußsteig führt, der zur Sommerszeit von hier durchschleichenden Kontrebandisten (Anm.: Schmuggler) sehr lebhaft gemacht wird, und dem Joche den Zunamen des Kontreband-Berges verschaffte; der Bach zur Lend, welcher in der Zamser-Alpe entspringt, das zur Sommerszeit bewohnte Nebenthal Madau, zwei Stunden vom Orte Bach, durchfließet, und sich mit dem Lech bei dem letztgenannten Dorfe vereiniget; der Bernhards-Bach, bei Elbigenalp, aus den Algauer-Bergen entspringend; der Streinbach bei Elmen, der aus der Imster -Alpe kommend, Pfaflar und Bschlabs durchströmt; und endlich der Hornbach, welcher in den schwäbischen Gebirgen seinen Ursprung hat, und durch daß Gebiet von Hinter- und Vorderhornbach dem Lechfluße zueilet. Außer diesen giebt es noch eine Menge kleinerer Bäche, die durch ihre Zuflüße die Wassermaße des Lechs ansehnlich vergrößern.

[...]

Die oben angeführte Dorfschaft Steeg, auf beiden Seiten des Lechs gelegen, verräth durch die wohlgebauten und sehr reinlichen Häuser gleich beim ersten Anblicke die Wohlhabenheit und den, von gewöhnlichen Thalbewohnern auffallend verschiedenen, beßern Geschmack ihrer Besitzer. Noch günstiger wird diese Meinung von ihnen, wenn man das Innere ihrer Wohnungen zu sehen Gelegenheit hat. Mit hübschem Schnitzwerk verzierte Hausthüren, Schnallen und Beschläge von glänzendem Meßing, gefällig meublirte Wohnzimmer und dergleichen Dinge, welche man oft nur in den schönern Marktflecken an der Landstraße antrifft, finden sich hier und in mehreren Ortschaften des Thales nicht selten. Nebst diesem bietet der Ort dem ermüdeten Wanderer in drei bequemen, reinlichen Gasthäusern Labung und ordentliche Bedienung. Ein ziemlich breiter und guter Fahrweg, welcher an manchen Stellen die Gestalt einer wirklichen Straße annimmt, wurde vor mehreren Jahren auf Veranstaltung des gegenwärtigen k. k. Land- und Kriminal- Untersuchungsrichters Herrn Balthasar Marberger zur größern Bequemlichkeit der Reisenden und Fuhrleute theils ganz neu angelegt, theils zum bessern Gebrauche dienlicher gemacht, und läuft ununterbrochen von Steeg durch das ganze Thal bis in den Markt Reutte. Eine kleine halbe Stunde von Steeg entfernt liegt das Dorf Hägerau, eine Kuratie von 230 Seelen, welche in 50 Häusern wohnen. Vor weniger als 40 Jahren war hier weder eine Kirche, noch ein Seelsorger! die Bewohner mußten den Gottesdienst in dem, eine halbe Stunde entlegenen Pfarrgotteshaus zu Holzgau besuchen.

Die Gegend dieses Ortes ist eine der schönsten und angenehmsten im Lechthale. Jenseits des Hauptflußes erhebt sich ein gewaltiges Felsengebirg. Nur hie und da mit einem grünenden Gestrauch bewachsen, schaudern selbst Gemsen vor den steilen, fast senkrecht in die tobenden Fluthen des Lechs hinabhängenden Steinwänden zurück. — Je wilder aber die Natur jenseits in ihren Werken hervortritt, desto wohlwollender lächelt sie dießeits; gleichsam als wünschte sie dem Menschen, welcher hier vermittelst fleißiger Kultivirung des zu seinem Nutzen vortheilhaft angelegten Terrains ihren, wenn gleich sparsamen, Produktionen zu Hülfe kommt, durch den absichtlich bewirkten Kontrast mit ihrer furchtbaren Gestalt zur innigern Freude an seinem heimathlichen Boden aufzuregen.

Uebrigens ist diese Dorfschaft unstreitig eine der ältesten des Thales. Denn die bei der heutigen Pfarrkirche stehende Kapelle, welche in alten Zeiten das Gotteshaus der Gemeinde gewesen seyn soll, trägt an einer ihrer Wände die Jahrszahl 1471. Ihre Bauart ist ächt gothisch, und sie wurde wahrscheinlich viel früher, als die angeführte Inschrift bezeuget, von den häufig nach Algau hier durchziehenden Säumern errichtet. Denn vom obern Innthale gieng in der Gegend von Imst ein Weg über den sogenannten Handtännen in's Lechthal, führte bei Bach über den Benglerwald nach Holzgau, und leitete von hier entweder durch die Holzgauer Alpe über das Mädele in's Walserthal nach Obersdorf, oder beugte sich bei Steeg durch Krabach, und lenkte über das kleine Joch dieses Namens zum Klösterle in Vorarlberg. Auf diesem Saumsteig nun war es den Fuhrleuten während ihres langen Weges Bedürfniß, ein Kirchlein zu haben, wo sie ihre Andacht verrichten, und an Sonn- und Feiertagen die Messe hören konnten. Aber möge nun dieses seine Richtigkeit haben, oder nicht, so beweisen die vorliegenden Umstände immerhin, daß Holzgau gewiß schon im vierzehnten Jahrhundert als ein, wenn auch geringes, Dorf bestanden habe.

Das jetzige Pfarrgotteshaus ist geschmackvoll erbaut, prangt mit schöner Stukaturarbeit, und hat sehr kostbare Gefäße zu den gottesdienstlichen Funktionen. Nebst mehreren Leuchtern, einer Lampe, Buchstelle und einem zierlich beschlagenen Meßbuche, insgesammt aus feinem Silber, hat die Kirche auch eine reiche Monstranze mit Diamanten glänzend besetzt, und mehrere andere Prätiosen aufzuweisen, welche nicht so fast wegen ihres innerlichen Werthes, als der künstlichen Arbeit willen sehenswerth sind. Auch schöne Kirchenparamente von holländischer Facon zieren an festlichen Tagen die Altäre, welche kostbaren Schenkungen Holzgau einem seiner Pfarrkinder, Eugen Falger, verdankt, der im Jahre 1821 als Handelsmann in Amsterdam verstarb, und in seinem letzten Willen auch mehrere andere Kirchen im Lechthale reichlich bedachte. Die Gemeinde, bestehend aus 546 Einwohnern, zählt 154 schöne, darunter viele nach dem neuesten Geschmack erbaute Häuser. Französische Dachstühle auf dreistöckigen Wohnungen, die überdieß sehr zierlich bemahlt, und mit den ausgesuchtesten Möbeln versehen sind, findet man hier nicht selten.

Fühlt sich der Reisende schon dadurch überrascht, so erstaunt er nicht weniger, wenn er an festlichen Tagen die dem weiblichen Geschlechte durchs ganze Thal eigene, hier aber vorzüglich prächtige National-Kleidung erblickt. Atlas und andere kostbare Zeuge, goldene Uhren und Ketten, feine Biberhüte u.s.w. zieren das Frauenzimmer. Nicht weniger galant sind die Männer, welche im entfernten Auslande große Handelshäuser besitzen, im Thale aber Bauerngeschäfte besorgen, die auf Reinlichkeit und prächtige Hauseinrichtung bedeutende Summen verwenden, in Speise und Getränk aber um so weniger Bedürfnisse kennen. Obwohl sie meistens reiche Kapitalisten sind, so halten sie sich dennoch selbst zu den beschwerlichsten Arbeiten keine Taglöhner, sondern dieselben, welche am Sonntage, auf Art der Städter, im feinsten holländischen Tuche erscheinen, scheuen sich nicht, die Woche hindurch mit schwern Fußeisen auf den steilsten Jöchern herumzuklettern, um Futter für das Vieh zu bereiten. Die karge Natur, die den Bewohnern nichts als Gerste, Erdäpfel, Flachs u.dgl. hervorbringt, veranlaßte den Hausvater von jeher, im Auslande Brod für die Seinigen zu suchen. Häufig ziehen in dieser Absicht alljährlich Maurer, Steinhauer und Stuckaturarbeiter in die Fremde. Erst vor ungefähr 90 Jahren versuchte ein gewisser Knittel aus Holzgau das Handelsgeschäft. Ihm folgten Mehrere in gleicher Unternehmung. Anfangs war die Ausbeute natürlich sehr gering, weil die Waaren wegen des kleinen Vermögens der Verkäufer keinen großen Werth haben konnten. Allein durch sparsame und kluge Verwendung dieses unbedeutenden Gewinnes erschwangen sich jene Hausirer immer mehr, und wagten sich schon mit ihren kleinen Nürnberger-Artikeln in die entfernteren deutschen Provinzen. Baiern, Würtemberg, Baden, die preußischen Rheinländer durchzogen sie auf ihren Wanderungen mit dem Tragkasten auf dem Rücken, und kamen endlich selbst in die Niederlande, nach Holland, Flandern, Brabant u. s. f. Ungeachtet sie hier wegen ihrer Artmuth manche Spötterei der dortigen reichen Handelsleute zu dulden hatten, und als einfältige Tiroler nicht selten bei Herrschaften zum Gelächter dienen mußten, so verstanden sie dennoch diese Umstände mit der den Lechthalern eigenen Verschlagenheit zu ihrem Vortheile klug zu benützen. Ihr ökonomischer Fleiß und Genauigkeit gefiel; man gebrauchte sie bald zu verschiedenen Geschäften, wobei sie mehr und mehr sich erwarben, dadurch in den Stand kamen, bessere Waaren einzukaufen, und ihre Unternehmungen in's Größere zu treiben. So brachten sie es endlich dahin, selbst eigene Buden und Handelshäuser zu gründen, und auf diese Weise in den vornehmern Städten Hollands sich ansäßig zu machen, wo sie seither bedeutende Geschäfte, selbst in fremden Welttheilen treiben.

Hieraus erklärt sich im Allgemeinen Lechthals Wohlstand, und insbesondere der Reichthum der Gemeinden von Steeg, Holzgau und Elbigenalp. Daher begreift man aber auch von selbst, wie es kommt, daß im obern Lechthale während des Sommers wenige Männer gefunden werden; denn gewöhnlich kehren sie erst nach mehreren Jahren abwechselnd von den Handelsgeschäften nach Hause zurück, um die Ihrigen zu besuchen, wo man dann in den drei genannten Ortschaften öfters holländisch, englisch, französisch und gut deutsch sprechen hört, so, daß sich ein Reisender mit dem schon von Natur gesprächigen, viele Länder erfahrenen Lechthaler auf eine nicht gehoffte, angenehme Art unterhalten kann.

Uebrigens hat Holzgau ein neu erbautes, geräumiges und wohl eingerichtetes Gasthaus, wo selbst ansehnlichere Gäste Bequemlichkeit und gute Bedienung finden können. Auch verdient der schöne Ausflug, welchen man von hier auf den sogenannten Kratzer machen kann, eine kurze Erwähnung. Vom Fuße des Berges, woran das Dorf sich lehnt, gelangt man seitwärts in die Oeffnung eines hübschen Thales mit grünenden Bergwiesen und Alpweiden, wo im Sommer mehr als 90 Stück Vieh Nahrung finden, und durch welches, wie schon oben bemerkt wurde, ein Fußsteig, der zu jeder Jahrszeit, den Winter ausgenommen, mit Saumpferden gemacht werden kann, in das benachbarte Schwaben auf die Straße nach Immenstatt und Kempten leitet. Verläßt man nun diesen Weg, und lenkt gegen Westen, so erreicht man vermittelst eines Wegweisers in zwei Stunden den Rothhorn, die Wetterspitz und endlich den hohen Kratzerberg. Entzückend dem Auge, dessen Blicke noch kurz zuvor in dem engen Thalqebiethe eingeschlossen waren, ist die mit einem Male eröffnete herrliche Aussicht über den ganzen Algau, nach dem Bodensee, der Schweiz und Vorarlberg.

[...]

Von Holzgau eine leichte halbe Stunde thalabwärts liegt das Dorf Stockach. Es zählt 52 Häuser mit Einwohnern, und erfreut sich seit einigen Decennien eines eigenen Seelsorgers.

Rechts, oberhalb des Ortes, öffnet sich das Sulzthal, eine Alpe, worin die Gemeinde von Holzgau nicht selten bei 300 Stück großen und kleinen Viehes während des Sommers hält, und noch überdieß einen großen Theil des Winterfutters für dasselbe gewinnt.

Von Stockach führt die Straße durch schön kultivirte, ebene Felder nach der Lend, einer Wirthschaftsbehausung nahe bei der Dorfschaft Bach. Diese besteht aus ungefähr 100 ziemlich wohlgebauten Wohnungen, mit 475 Seelen. Die daselbst befindliche erst vor 39 Jahren ganz neu aufgeführte Kirche ist sehenswert.

Hierauf betritt man nach einem kurzen Wege das Gebiet von Elbigenalp. Es besteht aus dem kleinen Dorfe dieses Namens und aus mehreren Weilern, die zerstreut dieß- und jenseits des Lechflusses liegen, als: Köglen, Ober- und Untergriesau, Untergieblen, Ober- und Untergrünau, welche Ortschaften zusammen bei 150 Häuser ausmachen, und von mehr als 700 Menschen bewohnt sind.

Schon seit den ältesten Zeiten kennt die Geschichte diesen Bezirk als den am frühesten bebauten Haupttheil des ganzen Lechthals. - Als nämlich die ganze Abtei zu Füßen durch den heil. Magnus in der ersten Hälfte des VII. Jahrhunderts war gegründet worden, so entstanden, nach der Entdeckung reichhaltiger Eisengruben an dem Seuling, mehrere Berg- und Hüttenwerke in der Gegend von Reutte, und wahrscheinlich aus einem daselbst von den zahlreichen Knappen erbauten Dorfe bildete sich im Verlauf der Zeiten der gegenwärtige Marktflecken dieses Namens. Die Schmelzung und Zubereitung des rohen Eisens erforderte eine zureichende Menge Holzes, dessen Herbeischaffung aus dem nahen Lech bedeutend erleichtert wurde. Das Thal, woraus der Fluß kam, war mit dem ausgesuchtesten Brennholze in Menge versehen. Man drang sonach immer weiter in dasselbe hinein, und bald zeigte sich die fruchtbare und hübsche Gegend von Elbigenalp zur Anlegung einer Viehweide vorzüglich geeignet. Alljährlich trieben somit die Unterthanen des Klosters ihre Herden dahin. An der freiesten und schönsten Stelle wurden Sennhütten errichtet. Mehr und Mehr gewohnten die Hirten, im Thle zu leben.

Der Abt sandte ihnen jeden Sonnabend einen Geistlichen, um der kleinen Gemeinde am folgenden Morgen den Gottesdienst in der hierzu erbauten St. Martins Kapelle zu halten. Endlich siedelten sich mehrere Familien vollends hier an, und erhielten für sich einen bleibenden Seelsorger. Die Kirche zu Elbigenalp wurde sohin die Mutterkirche aller später im Thale entstandenen Filialen. Noch zahlen ihm diese insgesammt alle Jahr den sogenannten Zehendthaler, jede 1 fl. 43kr. R. W. Erst im Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts wurde Holzgau von Elbigenalp getrennt, und zu einer selbstständigen Pfarrei erhoben. Die darüber vorhandene Urkunde lautet folgendermaßen:

„Wir Leopold von Gottes Gnaden Herzog zu Oesterreich, zu Kärndten, zu Steyer und zu Krain, Graf zu Tyrol, thun kunt, wan der Ertbedig unser lieber Freunde Herr burkhart Bischof zu Augspurg, die Pürstschaft der obern Kirche in dem Lechthal, von wegen solcher Gebresten und Notdurft, die sie denn lange Zeit gehabt, und geliten hat, von der alten Pfarrkirchen daselbs genommen, geschaiden und gesondert hat. Nach laut und sag der Brief, so derselb unser Freund der Bischof von Augspurg darum gegeben, mit Willen des Erbauer gaistlichen, unsers lieben andächtigen des Abts von Füessen, von dem dieselben Kirchen mit de Lehenschaft rüerent, haben wir zu derselben Sönderung und Ordnung, unsern Willen und gunst gegeben, und geben auch wissentlich mit dem Brief, In solcher Maß, das es fürbasser dabey bleibe, nach weßwegen unsers Freundes von Augspurg Brief begwissung. Davor Empfehlen wir unserm lieben getreuen Falger von Schellenberg, unserm Vogt zu Ehrenberg, oder wer je zu der Zeiten unser Vogt daselbs ist. Das er vorgenannte Pürstschaft zu der oberen Kirche im Lechthal bey der Eignen Ordnung vestiglich halten und schirmen, und nicht gestatte, das sie Jemand daran bestöre. Das ist genzlich unsere Meinung. Geben zu Insprugg am Donnerstag an der heiligen dreyer König Abend nach Christi Geburt in dem vierzehen hundertisten und dem andern Jahr."

Der große Umfang der alten Houptpfarre wurde jedoch erst unter der Regierung des Kaisers Joseph im Jahre 1787 auf seine heutige Ausdehnung beschränkt, indem Häselgehr und Elmen im untern Lechthale zu Kuratien erhoben, Bach und Stockach aber als eigene Exposituren erklärt wurden. - Noch früher, und zwar im Jahre 1658 war Steeg, 1739 Kaisers, 1774 Hägerau von der bisherigen Mutterkirche entlassen worden.

Das gegenwärtige Pfarrgotteshaus in Elbigenalp ist seit weniger als 60 Jahren beinahe ganz neu hergestellt worden. Kenner loben die darin befindlichen Gemählde von dem vaterländischen Kunstmahler Jakob Zeiller .

Uebrigens hat das Dorf ansehnlich gebaute Häuser, und die Einwohner sind größtentheils wohlhabende Leute. Im Frühjahre und Herbst werden hier zwei Märkte abgehalten, die sehr zahlreich besucht werden.

Unter den Nebenthälern, welche die Gegend verschönern, und auch in anderer Hinsicht bemerkt zu werden verdienen, ist das nordwestlich liegende Bernhardsthal, woraus der davon benannte, und schon oben erwähnte Wildbach hervorbricht, vorzüglich erwähnungswerth.
Sein Wasser soll viel Mineralstoff mit sich führen, und das Baden in demselben gegen manche krankhaften Zustände, wie z. B. Schärfen, Geschwüre u. s. f. von heilsamer Wirkung seyn. Ganz vorzüglich aber erregt der Genuß desselben starken Appetit. Es wäre daher allerdings zu wünschen, daß die Quelle chemisch Untersucht und das Publikum mit ihrer wahren Beschaffenheit näher bekannt gemacht würde. Vielleicht könnte ihr Gebrauch dadurch weit umfassender und wohlthätiger gemacht werden.

Auf einem, freilich sehr beschwerlichen Fußsteige kann man durch jenes Thälchen an finstern und schauerlichen Gebirgen, durch tief gehöhlte Schluchten und wildes Gestein in den benachbarten Algau gelangen. Je fürchterlicher auf diesem Wege die gewaltige Natur mit ihren großen Werken dem erstaunten Menschen entgegentritt, je unwillkührlicher sie durch die ungeordnete Zusammenhäufung riesenmäßiger Gebilde den Geist an die Urzeit des Chaos erinnert; desto angenehmer überrascht sie das Auge mit dem Anblick eines majestätischen, in seiner erhabenen Schönheit ihrer ihn umgebenden Größe vollkommen angemessenen Wasserfalles. Tobend stürzt sich der Gießbach in einer Höhe von 250 Schuhen über Felsenmassen zerstäubend vom sogenannten Aermerskaar in's gemeine Kaar herab, durch sein rauschendes Getöse die todtenähnliche Einsamkeit des stummen Thales belebend.

Noch andere Seitengebirge schließen kräuterreiche Alpen ein, auf welchen seltene Pflanzengattungen gedeihen. Die bekannte Enzian, die Meisterwurz, Baldrian, Wolferley und Isländisch-Moos findet man hier in der Nähe gesunder, frischer Brunnenquellen, die Auge und Herz erfreuen.

Der im Jahre 1811 das Lechthal bereisende Dr. Fröhlich, Leibarzt Sr. Durchlaucht des Fürstbischofs v. Hohenlohe, untersuchte und sammelte die besonderen Pflanzen und Kräuter in den verschiedenen Gegenden des Thales, und fand davon eine große Menge mannigfaltiger und sehr brauchbarer botanischer Gewächse.

Auch giebt es auf den Bergen allenthalben Gemsen und anderes Wildpret, als: Stein- und Schneehühner, Auerhahnen, Spielhahnen u. s. w.

Eine Stunde von Elbigenalp entfernt liegt Häselgehr, eine in mehreren Weilern vertheilte Gemeinde. Sie umfaßt folgende sieben sehr kleine Ortschaften: Unterhöfen, Unterschönau, Luxnach, Allech, Haternach, Gutschau und Rauchwand, welche zusammen 100 Wohnungen mit beinahe 500 Seelen begreifen. Schön und leicht ist das Innere der an der Straße im Weiler Unterhöfen vor wenigen Jahren ganz neu erbauten Kirche; sehenswerth das Gemählde des
Hochaltars von Karl Salb aus Stockach. Unter den übrigen Gebäuden des Ortes verdient das wohleingerichtete und hübsche Brauhaus, weil es das einzige des Thales ist im Vorbeigehen bemerkt zu werden.

Ueber den Lech, an die rechte Uferseite desselben führt hier eine ganz gedeckte, auf einen, aus der Mitte des Flußbettes hervorragenden Felsen gestützte Brücke. Auch darf als Naturmerkwürdigkeit die unter dem Namen der Tuser bekannte Quelle wegen ihres periodischen Laufes nicht vergessen werden. Sie entspringt ober Luxnach mit großem Geräusch aus einem Felsen, gewöhnlich am 9. April, und versiegt wieder bis auf den St. Martinstag. Erscheint sie aber einige Zeit vorher, so bleibt sie um eben so viel früher wieder aus.

Uebrigens giebt es in Häselgehr viele Glockengießer, welche aber meistens nur kleine, acht bis zehn Pfund schwere Glöckchen verfertigen, die jedoch ihres hellen Tones wegen vor andern starken Abgang finden. Dieser kleine Handel, ihre Viehzucht und die fleißige Bearbeitung des Bodens giebt den Bewohnern dieser Gegend hinlänglichen Erwerb, und manche Familien erfreuen sich daselbst eines glücklichen Wohlstandes.

Die Thalstraße leitet von hier anfangs durch eine ziemlich lange Feldung, dann aber durch einen kleinen Wald nach dem Dorfe Elmen. Es zählt mit den dazugehörigen Weilern Klim und Mortenau (Martinau) 85 Häuser mit 400 Bewohnern. Das hiesige Gotteshaus wurde von dem, zu Anfang dieses Aufsatzes erwähnten Mahler Köpfle aus Höfen mit vielen Gemählden verschönert, und im Allgemeinen dürfte an ihnen mehr die zu große Anzahl, als die Ausführung zu tadeln seyn. Einzelne Parthien verdienen unstreitig in mancher Hinsicht für gelungen erklärt zu werden.

Als ein für die Geschichte des Lechthals merkwürdiges Monument ist auch jenes alte, aus großen Steinen aufgeführte Gebäude anzugeben, das sich hier befindet, und welches einst das Zehendhaus der Abtei zu Füßen gewesen seyn soll, wohin glaubwürdigen Monumenten zufolge ein großer Theil des Thales zinspflichtig war.

Die Umgebung des Dorfes ist nicht besonders anziehend. Weniger fruchtbar, als in den vorbeschriebenen Distrikten, ist hier der Boden noch überdieß manchen Elementar-Verwüstungen preisgegeben. Die allzunahe Lage und Stellung der östlichen Gebirgsreihe, welche hier die Scheidewand zwischen dem Thale und dem Bezirke von Imst bildet, beraubt die Felder der nöthigen Morgensonne, und giebt der gesammten Gegend ein unfreundliches Ansehen. Indessen gilt alles dieses nur so lange für den Wanderer, als er längs den Ufern des Lechs, auf sichergebahntem Wege fortgehend, die nach einander gelegenen Dörfer nebst ihren Besitzungen unter sich vergleicht, und mit größerem Wohlgefallen der vorzüglichern gedenkt. Verläßt er aber zwischen Häselgehr und Elmen die Straße, und versucht es, das in hohen Bergen, auf lebensgefährlichen Stellen zerstreute Gramais und Bschlabs zu sehen, das mühvolle und elende Leben ihrer Bewohner zu schauen, sich aber nebst diesem von der siegreichen Kraft des Menschen zu überzeugen, der selbst aus der wildesten Einöde eine Wohnstätte seines betriebsamen Wirkens hervorruft; dann verschwindet ihm aller Unterschied des Wohlgefälligen und des Unangenehmen, den er an den Gegenden des ebenen Landes sogleich wahrnimmt, und gern vergißt er die Forderungen der Bequemlichkeit und der Delikatesse des Flachländers. Wenige schlecht gebaute Hütten, im Winter keine Stunde frei von der Gefahr der Schneelavinen, umgeben, in einzelne Gruppen vertheilt, ein kleines Gotteshaus, in dessen Nähe die Wohnung des Lehrers und Hirtens der kleinen Gemeinde steht. Keinen andern Trost kennend, als welchen ihnen die Religion durch den Mund ihres Priesters giebt, verleben die Menschen dieser Wildniß ihre Tage in steter Mühe, im unaufhörlichen Kampfe mit einer feindlichen, drohenden Natur.

Was wären sie wohl ohne die Anstalten der Kirche, ohne ihren Vater und Freund, der sie durch Lehre und Beispiel an die Menschheit anschließt, von der sie ihr unglückliches Loos sonst in thränenwerther Entfernung hielte? - Als ein historisches Ereigniß, wodurch die Umgebung von Elmen vor andern Gegenden des Lechthales ausgezeichnet wird, darf ich einen kriegerischen Vorfall aus der Geschichte der neuern Zeit nicht mit Stillschweigen übergehen. Es erzählen nämlich Einige die Sache in Gemäßheit einer unter den Thalbewohnern herrschenden Sage auf folgende Weise: Im Jahre 1632 drangen die Schweden nach mehreren glücklichen Gefechten in Nord-Deutschland durch Sachsen und Baiern nach Schwaben.
Viele Städte wurden verheert; manche blühenden Gefilde machten unter den zerstörenden Schritten der feindlichen Horden einer beinahe menschenleeren Einöde Platz. Selbst die Gränzen unsers heimathlichen Landes blieben nicht verschont. Einzelne Truppenkorps rückten in die Gegend von Reutte vor; der Markt wurde hart mitgenommen, die schwach besetzte Festung Ehrenberg beinahe überrumpelt.
Da eilten muthig die Männer des Lechthales herbei zur Vertheidigung des wichtigen Gränzpasses; tapfer wurde um den untern Schloßkopf gestritten, nach blutigen Gefechten der Feind aus demselben hinaus geworfen, und von dem Bezirke vertrieben.
Allein während sich dieses mit der Veste ereignete, war ein schwedisches Streifkorps in das eben jetzt von den Männern völlig entblößte Lechthal wahrscheinlich in der Absicht vorgedrungen, um durch diese Diversion die zum Schutze des Passes herbeigeeilte Mannschaft des Thales zu zwingen, die Festung zu verlassen, und den nunmehr angegriffenen eigenen Herd durch ihre Gegenwart mit Waffengewalt zu schirmen. Auf die Nachricht dieses feindlichen Anzuges versammelten sich die muthigen Weiber der nächsten Bezirke auf dem sogenannten Hohenrain ober Elmen unter der Anführung der wenigen zurück gebliebenen Greise und Jünglinge. Eine Abtheilung derselben rückte bis in die Felder vor, wo jetzt Mortenau steht. Mit Sensen, Heugabeln, Aexten u. dergl. bewaffnet, erwarteten sie entschlossen den Feind. Um diesen durch den Schein eines großen bewaffneten Heeres in Furcht zu setzen, hatten sie ihr Vieh in der Aue hinter sich aufgeführt, und mit Kleidern und Waffen behangen. Auch Hecken und Zäune wurden listig mit Tüchern von verschiedenen Farben reihenweis umhüllet. Kaum erblickte man den Feind, als die heldenmüthigen Amazonen, aufgemuntert durch den Zuruf der jenseits des Flusses stehenden Schwestern, denselben mit fürchterlichem Geschrei überfielen. Zugleich jagten andere das im Hintergrunde grasende Vieh heftig durcheinander. Der hartnäckige und unerwartete Widerstand dieser Weiber, welche der erschrockene Feind nur für die Vorposten einer weit stärkeren, in der Nähe befindlichen Macht hielt, nöthigte ihn, sich über den Lech zurückzuziehen.

Als dieses die zweite Abtheilung am gegenseitigen Ufer vom Hohenrain aus bemerkte, erhob sie gleichfalls ein drohendes Kampfgeschrei, und eilte den feindlichen Truppen im Sturmschritt entgegen. So mußten also diese, von beiden Seiten in die Enge getrieben, mit Zurücklassung ihrer Verwundeten den schnellsten Rückzug nehmen, und das ganze Thal sah sich plötzlich durch die Unerschrockenheit seiner Weiber von einer plündernden Verheerung befreit. Eine so muthvolle That durfte nicht unbelohnt bleiben. Zum beständigen Andenken an sie und zur bleibenden Auszeichnung ward den Lechthalerinnen von ihren Männern das ehrenvolle Vorrecht zuerkannt, beim Opfer in der Kirche voranzugehen, was noch heut zu Tage in Uebung ist. Die oben bemerkte Aue, worin der Kampf vorfiel, erhielt den Namen der Mordaue, den sie noch jetzt führt. In ihr fand man vor ungefähr hundert Jahren bei der Urbarmachung des Bodens ein Schwert zum Zeichen dessen, was die angeführte Sage von ihr behauptet.

Sonderbar dürfte es scheinen, daß sich von dieser, wenigstens in Bezug auf das Thal sehr wichtige Begebenheit noch keine ihre Zeit und näheren Umstände außer Zweifel setzende Urkunde, weder in den dortigen Pfarr-Archiven, noch anderswo hat auffinden lassen. Wahrscheinlich mochte die Kunst des Schreibens damals noch das Eigenthum sehr weniger Thalbewohner gewesen, folglich nur eine oder die andere gleichzeitige Aufzeichnung des Vorfalles geschehen seyn, die durch unglückliche Zufälle um so eher verloren gehen konnte. Das Faktum bleibt aber nichts desto weniger wahr; nur mögen manche der angegebenen Umstände während des langen Zeitraumes im Munde des gemeinen
Mannes eine Veränderung oder Verfälschung erlitten haben. Denn nicht glaublich scheint mir die Angabe zu seyn, daß das erzählte Gefecht in der Mordaue eine Vorfallenheit des dreißigjährigen Krieges gewesen sey.

Viel mehr bin ich geneigt, dieselbe in die Zeiten des Kampfes mit dem schmalkaldischen Bunde zu setzen. Die aufgeführte Volkssage nämlich giebt ganz bestimmt an, daß der Markt Reutte von den Feinden sehr übel behandelt, und die Festung Ehrenberg besetzt worden sey. Dafür aber sind keine Dokumente des siebenzehnten, wohl aber des sechzehnten Jahrhunderts vorhanden, woraus erhellet, daß die protestantischen Bundesverwandten im Jahre 1544 unter ihrem Feldobersten Sebastian Schärtlin von Burtenbach mit 15000 Mann in Tirol eingerückt seyen, um den aus Italien wider sie anziehenden katholischen Hülfsvölkern den Inn und hiermit den Paß nach Deutschland zu sperren; daß sie Füßen und Ehrenberg durch Uebergabe genommen und besetzt haben, um so ungehindert bis Kufstein vorzudringen und sich aller festen Pässe und Oerter versichern zu können. Es habe dann die Landesregierung zu Innsbruck den Kammerprokurator Doktor Precht nach Reutte gesendet, um sich wegen dieses ungerechten Einfalles in das immer friedlich gesinnte Tirol zu beschweren, und die Festung Ehrenberg wieder zurückzufordern."


[Fortsetzung folgt]
« Letzte Änderung: 26.03.2022, 00:36:29 von Kalle Eberle »


 

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