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aktuelle Beiträge

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Lechaschau / Der Felssturz
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am Gestern um 21:26:53 »
Aus: Innsbrucker Nachrichten vom 12. März 1927
Marmorsteinbrüche in Carrara - John Singer Sargent - 1913

Am 10. ds. waren die Hilfsarbeiter Josef Reiter und Franz Breneis im Steinbruche des Martin Sepp in Lech-Aschau mit Steinbrechen beschäftigt, während ihnen Wilhelm Wörle bei der Arbeit zuschaute. Die beiden ersten waren mit der Bohrung eines Schußloches beschäftigt, als Reiter, der mit dem Hammer aufschlug, bemerkte, daß sich ober ihnen ein großer Stein löste. In diesem Augenblick bemerkte dies auch Wörle und schrie den beiden anderen zu, während er gleichzeitig unter einen Felsenvorsprung sprang. Der 2,5 Kubikmeter große Stein sauste auch schon über ihn hinweg und begrub Breneis, der aber wie durch ein Wunder nur leichte Verletzungen erlitt, da er zwischen zwei Steinen zu liegen kam, ansonsten wäre er zweifellos zerdrückt worden.

Dem Wörle wurde durch einen nachrollenden kleineren Stein der rechte Unterschenkel gebrochen. Die beiden Verletzten wurden in die Heilanstalt Bad Krekelmoos gebracht.
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Tannheim / Die Amannschaft Tannheim und ihr Ende
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 24.10.2022, 21:14:35 »
Aus: Ausserferner Nachrichten vom 1. April 1972

Über die endgültige Gleichstellung des Tannheimertales mit dem übrigen Außerfern

Im Jahre 1705 wurde von der Pfarre Tannheim (diese umfaßte das ganze Tannheimertal und war ein politischer Sprengel) eine Gerichtsordnung erlassen: "Wie es entzwischen und gerichtsamman und gerichtsleuten der pfarr Tanheimb in besetzung des gerichts und sonsten zu allen zeiten und begebenheiten gehalten werden solle."

In dieser Gerichtsordnung werden die Pflichten, aber auch die Rechte des Amanns neu geregelt. Bekanntlich war das Außerfern in mehrere Dingsprengel eingeteilt, an der Spitze eines jeden Dingsprengels stand ein Anwalt, der für die Durchführung der obrigkeitlichen Erlässe und Gesetze Verantwortung trug. Er übte auch eine gewisse außerstreitige Gerichtsbarkeit aus. Nun hatte das Tannheimertal in gerichtlicher Hinsicht bis zum Jahre 1705 eine Sonderstellung, der Amann hatte weit mehr Befugnisse als die Anwälte im übrigen Außerfern. Wie die Stellung des Tannheimertales nach 1705 aussah, soll uns dieser Beitrag zeigen.

Schon im ersten Punkt dieser Gerichtsordnung, die sich die Tannheimertaler selbst gaben, wird festgehalten, daß in Zukunft "demokratischer" als bisher alle Gerichtsuntertanen gleich behandelt werden sollen: "...sonder wür alle als pfarrs-gerichtsverpflichte gehalten werden und diesfahls einer wie der andere sein..."

Die folgenden Punkte beschäftigen sich mit Verfahrensfragen, so beispielsweise, daß das Gericht nur an Sonn- und Feiertagen zusammentreten solle "wegen der enge der zeit". Der Gerichtsamann soll den Vorsitz führen: "...nemblich gleichwie herr gerichtsamman in allweg der erste ist, zu oberst an sizen und praesidieren thuet." Es wird festgehalten, wie die Sitzordnung der Gerichtsverpflichteten ausschauen soll, daß ein Verzeichnis aller Anwesenden geführt werden soll. Weiters ist ausdrücklich unter Punkt vier festgesetzt: "...die empfangene schreiben vor- und ablesen..., jeder darauf guetes aufmörken haben, nicht in der stuben hin und wider noch vil weniger aber gar zu der stuben aus- und einlauffen, zum fenster ausschauen, taback trinken, noch anders geschwäz untereinander anfangen..."

Endlich wird auch das Abstimmungsverfahren verordnet: "...in einer sachen allzeit die maiste gleiche vota (Stimmen) das conclusum (Beschluß) sein und machen, und wie anbei noch guet genommen werden, also auch ein gerichtsbuech verordnet und alle solche gerichtsschluß durch den herrn gerichtsamman in kurzem begriff darein verzaichnet..."

Fünftens wird auch festgehalten, daß jeder Gerichtsverpflichtete etwas vorbringen kann, wenn der Gerichtsamann keine Anliegen mehr hat, über das dann gleichfalls abgestimmt werden soll.

Der sechste Punkt dieser Gerichtsordung legt dann die genauen Kompetenzen des Gerichtes fest und ist somit als Kernstück zu betrachten: "...und nachdem dann ein jeder von uns gerichtsverpflichten die gäng, müehe, versaumbus der zeit und ungelegenheit hat wie der andere, sonderlich aber die weitere entlegene noch öfters das ihrige darmit ohnwerden thuen, und damit nun in denen auch übrigen begebenheiten jedem gleichwie pillich dann gegonnt und einer wie der andere geliebt und gehalten, mithin wür an steter treu, aufrichtig gueter verständnus und rechtschaffener, brüederlicher gerichtsverliebung untereinander erhalten werden möchten, hingegen aller verdruß, unwillen und widerwährtigkeit untermitten verbleibe, folglich ein ieder so mehr ursach habe, dem herrn gerichtsamman und als es ohnedem die unwiederrechtliche pillichheit selbst ist in casibus sich eraigenden particularen pfarrshandlung, es seien inventuren, verträg, abtheilungen, gerhabschaft- oder andere raitung (Rechnung), auch weitere güetliche sachen, item copieren und dergleichen, nichts ausgenommen, auch allezeit gerichtsverpflichtete als gerichtsbeisitzer darzue erhaischen und würklich zuezüechen..."

Demnach stand also dem Gerichtsamann "Inventuren, Verträge, Abteilungen, Gerhabschaften (Regelung der Verlassenschaften) oder andere Rechnungen" zu. Wenn man bedenkt, daß ab dem Jahre 1515 der Amann vom Tannheimertal selbständig Verbrecher verhaften durfte und dann erst dem Gericht Ehrenberg überstellen mußte, so wirken seine Kompetenzen nach 1705 geradezu als Trostpflaster. Tatsächlich war ihm jeder Rechtssprechung in Streitsachen zur Gänze entzogen, und der Amann erscheint den übrigen Anwälten des Außerfern völlig gleichgestellt, denn nunmehr waren seine Kompetenzen wirklich nur noch die eines Verwaltungsmannes.

Auch der siebente Punkt bringt nichts wesentlich Neues: "Desgleichen auch, wann ein ausschuß auf Reiti (Sitz der Gerichtsobrigkeit) oder wohin erfordert würdt, wie zwar guet ist, das in einer sachen bis zur selben entschaft umb der information willen gleiche gebraucht werden, so sollen doch in einer dann anderen neuen sach nebst dem herrn gerichtsamman allzeit andere erwölt ausgeschoßen und geschickt werden, damit sofort ieder auch etwas sechen und sich informiert machen köne, solcher ausgeschoßnen auch allzeit obligation sein solle, volglich dem gericht bei negster dessen darauf zusamenkonft umb ihr ausrichtung ausführliche relation zu erstatten, damit man allseits behöriges wissen davon trage...".

Das heißt nichts anderes, als daß ein Ausschuß aus den Gerichtsverpflichteten gebildet werden solle, wenn es Sachen in Reutte zu regeln gibt, der dann die anderen Gerichtsverpflichteten genau informieren soll.

Einerseits zeigt dieses Weistum deutlich, daß das Jahr 1705 einen Einschnitt in der Geschichte des Tannheimertales bedeutet, nämlich insofern, als in diesem Jahr das Tannheimertal die letzte politische Selbständigkeit verlor und den anderen Anwaltschaften des Außerfern gleichgestellt wurde, andererseits zeigt es aber doch das Fortleben der alten Markgenossenschaft. Das Tannheimertal, die Urpfarre Tannheim wurde bis weit in die Neuzeit als politische  und weitestgehend auch wirtschaftliche Einheit aufgefaßt. Dieser Einheit kam auch eine gewisse, sicherlich nicht geringe Selbständigkeit zu, die sich vor allem in gerichtlichen und wirtschaftlichen Berlangen zeigte. Im Laufe der Zeit wurde dann immer mehr von obrigkeitlicher Seite her versucht, alle Sonderrechte abzuschaffen und somit möglichst ein gleiches "Feld" von Untertanen zu haben.

Im Zuge dieser Bestrebung wurde auch die Amannschaft Tannheim zu einer reinen Verwaltungsbehörde, der nur noch in der außerstreitigen Gerichtsbarkeit eine gewisse, aber keine besondere Selbständigkeit zukam. Mit dieser Gleichschaltung war auch das Urteil über die Großpfarre Tannheim gesprochen, da die Verwaltung ein zu geringes Band darstellt. Bald bildeten sich wirtschaftlich völlig selbständige Gemeinden, die keinerlei gemeinsame Nutzungen mehr kannten, und sehr bald wurden nahezu selbständige Kaplaneien und Vikariate von der Pfarre Tannheim abgetrennt.


Dr. Rudolf Palme


 
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Pfafflar / Boden trauert um zwei junge Menschen (1972)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 24.10.2022, 19:41:32 »
Am 12. März 1972 ereignet sich bei Weißenbach ein schrecklicher Unfall. Um ca. 20:30 Uhr fährt ein 26jähriger Bschlaber auf der sogenannten Weißenbacher Geraden. Mit dabei die 18 Jahre alte Ida Reinstadler aus Boden.
Das Fahrzeug gerät aus ungeklärter Ursache auf die Gegenfahrbahn, wo es mit einem entgegenkommenden Fahrzeug eines Weißenbachers zusammenstößt. Das unfallverursachende Fahrzeug wird in den Wald geschleudert, wo es auf dem Dach zu liegen kommt und sofort Feuer fängt. Während der junge Mann noch aus seinem Fahrzeug geborgen werden kann, gelingt das bei der Beifahrerin nicht mehr - die junge Frau verbrennt im Inneren des Wracks.

Aus: Ausserferner Nachrichten vom 25. März 1972

Eine große Zahl von Trauergästen aus nah und fern fand sich am vergangenen Donnerstag im kleinen Bergdörflein Boden ein, um den beiden verunglückten Mädchen, der 18jährigen Ida-Maria Reinstadler und der 19jährigen Margit Perl (Tochter von Michael Perl) das letzte Geleit zu geben.

Beide waren schon als Kinder gute Schulkameradinnen, bis sie bei tragischen Verkehrsunfällen, von welchen sich einer bei Klagenfurt und der andere bei Weißenbach - seltsamerweise zur selben Stunde - ereignete, um ihr junges Leben kamen.

Der Verlust dieser jungen Menschen hat nicht nur deren Eltern und Angehörigen größten Schmerz bereitet, sondern löste auch in der ganzen Dorffamilie und Gemeinde tiefe Trauer aus. Seit dem großen Lawinenunglück im Jahre 1856, wo auf dem Hahntennjoch fünf Menschen von Boden den Tod fanden, hat dieses kleine Bergdorf keinen so schweren Schicksalsschlag mehr erlitten.





Ein Augenzeuge erinnert sich

"...wir kamen zufällig zu dem Unfall dazu. Ich - damals 12 Jahre alt - konnte die Schreie der jungen Frau hören, welche von Sekunde zu Sekunde immer leiser wurden und schließlich ganz verebbten.

Die Hitze des Feuers, das Knistern der lodernden Flammen - die Silhouetten im inneren des Wagens erstarrten zusehends.

Trotzdem ich noch sehr jung war, war mir die Tragik des Geschehenen doch bewusst und ich stand mit weichen Knien und einer unerträglichen inneren Beklemmung an dem Waldstück abseits der Straße - noch heute erinnere ich mich in gewissen Momenten daran zurück..."

 
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Reutte / Baumeister Walter Dejaco und der Wiener Auschwitzprozess
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 24.10.2022, 18:54:59 »

Walter Dejaco vor Gericht (1972)
Quelle: Bildungswerk Stanisław Hantz e.V. auf Facebook
Aus: Ausserferner Nachrichten vom 18. März 1972

Freispruch für Baumeister Dejaco

Mit Freisprüchen endete am vergangenen Freitag der "Wiener Auschwitzprozeß", in dem Baumeister Walter Dejaco aus Reutte und Fritz Ertl aus Linz angeklagt gewesen waren, im Konzentrationslager Auschwitz an der Vernichtung jüdischer Häftlinge mitgewirkt zu haben. Die Geschworenen verneinten einstimmig die Hauptfrage, ob sich die Angeklagten "der tätigen Mitwirkung an der Vernichtung jüdischer Häftlinge im Lager Auschwitz schuldig gemacht haben". Gleichfalls einhellig mit Nein beantwortet wurde die Frage, ob Walter Dejaco die Ermordung einzelner Häftlinge anzulasten sei. Bezüglich einer "entfernten Mitschuld" Fritz Ertls wurde Befehlsnotstand zugebilligt. Der Ankläger meldete gegen das Urteil die Nichtigkeitsbeschwerde an. Walter Dejaco und Fritz Ertl wurden noch am Freitag aus der Haft entlassen.


Weitere Informationen zu Walter Dejaco

Walter Dejaco auf Wikipedia
Bildungswerk Stanisław Hantz e.V.

 
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Vorderhornbach / Flugzeug rammt 'Bienenhangar' (1972)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 21.10.2022, 20:26:11 »
Aus: Außerferner Nachrichten vom 18. März 1972
Am vergangenen Freitag nahm  ein zweisitziges Motorflugzeug der Type Cessna, das auf dem Flug von Innsbruck nach Hard in Vorarlberg war, in Vorderhornbach eine Notlandung vor. Nach Aussage des Piloten mußte er oberhalb von Steeg im Lechtal, infolge dichten Nebels und zu geringer Sicht, umkehren und konnte den Flugplatz Höfen nicht mehr erreichen. Über Vorderhornbach, welches von freien Wiesen umgeben ist, die zur Notlandung geeignet sind, zog das Flugzeug einige Schleifen, ging tiefer, überflog zuerst eine Hochspannungsleitung, beschädigte dann den Giebel eines größeren Bienenhauses, unterflog eine Telefonleitung und rammte schließlich frontal das besetzte Bienenhaus des Imkers Meinrad Schlichtherle, unmittelbar vor seinem Wohnhaus. Durch den unsanften Aufprall wurde das ganze Bienenhaus von seinem Sockel abgehoben und ca. einen halben Meter zurückverschoben. Der Propeller durchtrennte vier starke, breite Bretter der Flugfront und spaltete einen besetzten Bienenstock total, einen anderen teilweise. Die Waben mitsamt den Bienen wurden aus der beschädigten Bienenwohnung geschleudert und lagen unter den Trümmern. Die übrigen Bienenstöcke wurden durch den Aufprall durcheinandergewirbelt und flogen ins Innere des Bienenhauses.

Der Unglückspilot hatte bei alldem viel Glück und kam kaum zu Schaden, hingegen entstand am Flugzeug und vor allem am Bienenhaus beträchtlicher Sachschaden. Wäre der neben dem Bienenhaus stehende Apfelbaum nicht gewesen, der den Aufprall mitabfing, so hätte die Sache schlimmer ausgehen können. So aber kann, abgesehen vom materiellen Schaden, von einem glimpflichen Ausgang des Unglücks gesprochen werden, vor allem auch in Anbetracht des Umstandes, daß in unmittelbarer Nähe des Bienenhauses Kinder spielten.
Der Schaden des Unfalles dürfte durch Versicherung gedeckt sein.

A. Pohler



Symbolbild ;)

Und wer den Schaden hat, braucht für den Spott bekanntlich nicht zu sorgen...



 
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Reutte / Personen
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 14.10.2022, 20:55:02 »
Metzgermeister Karl Weber - März 1941
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Pflach / Antw:Messingwerk und Hüttenmühle Pflach
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 22.09.2022, 13:39:01 »
Kaum zwei Jahre später, hab ich schon was zu dem Thema gefunden...  ;)

Aus: Tiroler Volksbote vom 18. November 1920
Lech-Aschau. (Die Suche nach Steinkohlen.) Im sogenannten Sulztal hat ein Münchner Herr namens Josef Burger das Schürfrecht erworben. Derselbe läßt nach Steinkohlen graben und es kamen in der Tat welche zum Vorschein. Man findet auch alte Stollen, weil ungefähr vor 50 Jahren ebenfalls nach Steinkohlen gegraben wurde. Wie weit die Ergiebigkeit reicht, ist allerdings eine Frage. Jedoch ist die Annahme berechtigt, daß Steinkohlen wohl auch in der Tiefe sich befinden werden.
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Geschichts-Schnipsel / Die alte und die neue Jochstraße
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 14.09.2022, 17:57:08 »
Aus: Außerferner Nachrichten vom 25. Sep. 1954

jochpass salzstraße hindelang
die sogenannte alte Jochstraße ist heute den Wanderern vorbehalten

gacht kuhn gaicht gaichtpass weißenbach
unter der Gacht - Max Kuhn (um 1865)

passant schotterstrasse nesselwängle strommasten
das alte Straßendorf Nesselwängle

genhofen stephanskapelle montfort salzstraße
im Inneren der Kapelle bei Genhofen - an der alten Salzstraße gelegen - das Wappen der Montforter ist hier allgegenwärtig

scharfe eck biberwier geleisestraße
Spuren der alten Salzstraße bei Biberwier (Fernpass)
Die Jochstraße ist ein Teil der großen, völkerverbindenden Handelsstraße von Italien und Tirol über das Joch nach Hindeland zum oberen Illertal und weiter hinaus zum Bodensee und zum Rheingebiet. Sie wurde ebensosehr berühmt durch ihre Verkehrswichtigkeit und durch ihre herrliche Landschaft wie durch ihre reiche Geschichte.

Wenn auch den Autofahrer vor allem die interessanten Bauten der neuen Straße beeindrucken, sollte er sich doch die Zeit nehmen, um einmal die alte Jochstraße zu erwandern. Da werden jene Kräfte laut, die der Jochstraße das Leben gaben. Zwischen Lechtal und Illertal sind zwei tiefe Senken in die Gebirgsmassive eingeschnitten, das Tannheimer Tal und das Ostrachtal. Ihre leichte Verkehrserschließbarkeit verlockte schon in mittelalterlichen Zeiten dazu, den weiten Weg der damaligen Handelsstraße vom Fernpaß, der über Reutte - Kempten - Lindau führte, durch den zwar beschwerlichen Weg über das Ostrachtal wesentlich abzukürzen. Das war ein Saumweg, rauh, steinig, steil und mit dem Aufstieg von Reutte über die 1660 m hohe Schneetalalpe hinab nach Nesselwängle. Denn der tiefe, unwegsame Gachtpaß wurde wegen seiner Gefährlichkeit gemieden. Gegen 1309 wurden große Salztransporte über den damals erschlossenen Arlbergpaß zum Bodenseegebiet hinübertransportiert. Das ließ den geschäftstüchtigen Grafen von Montfort, die hoch über Immenstadt auf der Burg Rotenfels herrschten, keine Ruhe. Sie sannen, wie sie die wohlstandsversprechende Salz-Handelsstraße in ihr Gebiet herüberziehen könnten und nahmen das für die damalige Zeit gewaltige Risiko auf sich, von Hindelang "über die Jöcher" eine recht gute Straße zu bauen, die heute zum Teil in Dämmen und Einschnitten als "Montfortstraße" noch gut sichtbar ist. Der große Tag für das Geschick der Jochstraße war das erzielte Übereinkommen mit dem Landesnachbarn, Erzherzog Sigismund von Österreich, der nun seinerseits statt des schmalen und steilen "Gachtwegleins" eine Straße durch den Gachtpaß baute.

Damit war zum ersten Male ein zusammenhängender Straßenzug vom Lechtal zum Illertal geschaffen worden, dessen Steigungen zwar stark, aber nicht schwierig waren. Infolgedessen wurden Montfortstraße und Gachtpaßstraße immer beliebter und zogen den Warenverkehr immer stärker an sich. Freilich betrachteten der Bischof von Augsburg und die Reichsstadt Kempten, durch deren Gebiete die eigentliche Reichsstraße führte, die neue Jochstraße mit scheelen Augen, und sie ließen es auch an immer wiederkehrenden bissigen Angriffen nicht fehlen, aber das änderte nichts an der Tatsache:

Die neue Straße über Gacht und Joch wurde bald zur unumstrittenen wichtigsten Handelsstraße zwischen Tirol und Rhein!

Die Straße wurde Dienerin der damaligen "Weltmacht Salz" und blieb es bis 1823. Die entlang des ganzen Straßenzuges in einheitlicher Gestaltung gültigen Rottvorschriften, d. h. die Anordnungen für die Durchführung und Weiterreichung der Salztransporte, schufen ein Gemeinschaftsgefühl für alle Siedlungen an der Straße, das noch heute über die Grenzpfähle hinwegreicht.

Weil man am Aufstieg zum Joch die Steigungen der alten Straße immer wieder verbesserte und milderte, kann man verschiedene Straßenführungen der alten Straße beobachten bis zu jener, die heute die "alte Jochstraße" heißt. Sie wird gerne als Wanderaufstieg nach Oberjoch benützt, denn sie ist nicht nur wesentlich kürzer als die kurvenreiche neue Straße, sondern bietet auch landschaftlich ein intimeres Bild des Gebietes am Joch. Interessant ist vor allem die Wanderung durch die tiefeingeschnittene Felsenschlucht der Wand, benannt nach dem sperrenden Wachthäuschen, das hier stand und die Straße zu verteidigen hatte.

Der Verkehr auf dieser Straße war für damalige Verhältnisse ungeheuer. Ein Durchblättern der alten Speditionsbücher ergibt z.B. für die Zeit vom September 1779 bis Juni 1780 einen Transportumfang von 12853 Fässern auf 6348 Wagen, jedes Faß zu 5 Zentnern gerechnet, jeden Wagen mit zwei Fässern beladen. Oder auf den Zeitraum einer Woche umgerechnet z.B. in der 33. Etatswoche des Jahres 1813: 370 Frächter mit 814 Fässern! Auf der Strecke Nesselwängle - Hindelang waren durchschnittlich täglich 60 - 80, nicht selten aber sogar 100 und mehr Frächter tätig.

Im Jahre 1894 begann man mit den Vorarbeiten zu einer neuen Jochstraße und im Jahre 1895 mit ihrem Bau. Den Höhenunterschied von 300 Metern von Hindelang nach Oberjoch überwand man mit 103 Kurven. Es erfüllt noch heute mit Bewunderung, mit welcher Einfühlungsgabe vielleicht fast unbewußt, diese neue Straße in die Landschaft eingefügt wurde, so daß sie heute geradezu zur Landschaft gehört.

Die Vernachlässigung der Straße während der Nachkriegszeit führte zum Beinamen "Lochstraße". Nach unendlich vielen Eingaben und Besprechungen wurde im Sommer 1952 die Straße mit einer neuen, griffigen Decke überzogen und am 2. Oktober konnte endlich das Band zerschnitten werden, das die prachtvoll erneuerte Jochstraße dem modernen Verkehr freigab.
Erich Günther


 
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Tannheim / Antw:Rinder, im Schnee geboren (1950)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 05.08.2022, 20:06:03 »
In den Ausserferner Nachrichten vom 4. September 1954 ist folgende Überschrift zu lesen:
Zehntausende besuchen Bauernapostel Grad

...und es sollen sich pro Woche bis zu 1000 Besucher auf dem Hof Grad's einfinden um mehr über die Haltung von Rindern in Freiluftställen zu erfahren.

Grad hatte bereits 1941 damit begonnen, seinen Hof als einen Freiluftstall umzubauen und zunächst nur Spott und Misstrauen in seinem Umfeld geerntet. Er übernahm diese Methode der Viehhaltung von Prof. Dr. Rudolf Ohl aus Jena, dem Leiter der dort ansässigen Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung.
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rund um das Außerfern / Algäuer Mundarten (1912)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 14.06.2022, 12:52:49 »
Aus: Münchner neueste Nachrichten vom 3.3.1912

"...der geographische Begriff 'Algäu' wird meist zu eng gefaßt; man versteht darunter gewöhnlich nur die bayerischen Algäuer Alpen mit dem dazu gehörigen Vorlande. Zum Algäu ist aber noch zu rechnen der große württembergische Teil, der Bregenzerwald, sowie das ganze Lechtal in Tirol. Von den Mundarten nun sind zwei Hauptteile zu unterscheiden, die auch dem Fremden auffallen: das Algäuer Allemanisch und das Algäuer Schwäbisch. Eine ziemlich scharfe Grenze trennt die beiden Mundarten, die etwa von Reutte in Tirol bis Isny in ostwestlicher Richtung zieht, um von hier aus eine mehr nördliche einzuschlagen.

Der Unterschied beruht nicht auf Stammesunterschiede, er ist wohl durch den Einfluß benachbarter Mundarten hervorgerufen worden. Das Algäuer Allemanisch ist dem Tonfall nach kein singendes Sprechen, wie wir dies beim Schweizer gewohnt sind, und ist von allen deutschen Mundarten dem Mittelhochdeutschen am nächsten verwandt..."
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