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Bichlbach / Den Vater erschlagen
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 05.10.2021, 19:31:05 »
Innsbrucker Nachrichten vom 5. Dez. 1916

Die Tat eines Wahnsinnigen in Außerfern.
Aus Ehrwald erhalten wir von unserem dortigen Mitarbeiter die Meldung über eine entsetzliche Bluttat, die sich dort in der vorigen Woche zugetragen hat.

Die Tragödie ereignete sich im Dorfe Lähn zwischen Reutte und Ehrwald, in dem an der Karwendelbahn gelegenen kleinen Dörfchen, welches von den lawinengefährlichen Hängen (Lahn, Lähn) seinen Namen erhielt.

Am Samstag fanden Leute den Maurerpolier Josef Fasser tot auf der Ofenbank in der Wohnstube seines Hauses. Der Mann war keines natürlichen Todes gestorben, das sah man auf den ersten Blick, denn die Stube war mit Blut
besudelt.

Der tote Mann zeigte schwere Verletzungen am Rücken und eine starke Wunde am Kopfe. Es war kein Zweifel mehr darüber: Hier lag ein Mord vor. Die Tat war mit einer Axt geschehen; ein Hieb hatte die Nase vom Gesichte getrennt und die Wunde am Kopfe rührte ebenfalls von einem starken Schlage mit dem Beile her.
Die Bluttat dürfte schon am Freitag vorgekommen sein, aber erst später entdeckte man das Schreckliche.

Der Sohn will den toten Vater erwärmen.
Die Untersuchung ist sofort eingeleitet worden. Als Täter kommt nur der Sohn des Poliers Fasser in Betracht, ein geistesschwacher Mensch, der schon einige Zeit im Irrenhause zu Hall zugebracht hatte und die Tat zweifelsohne in einem neuerlichen Anfalle von Wahnsinn ausgeführt hatte.

Nach den verhängnisvollen Axthieben, welche dem alten Fasser den Tod brachten, legte der Sohn den toten Vater auf die Ofenbank. Dann heizte er den Ofen ein, unablässig, Tag und Nacht schürte der Geisteskranke nach, so daß dies den Nachbarn doch auffiel. Der junge Fasser wurde deshalb auch von den Leuten wiederholt befragt, warum er denn heute gar so viel Holz einheize: Und da gab der Geisteskranke, der seinen Vater erschlagen hatte, zur Antwort: Dem Vater friert, er muß hübsch warm haben!

Die Behörde beschäftigt sich natürlich angele­gentlich mit dem Vorfalle.


Bichlbach und die Zunftkirche St. Josef - Verlag J. Heimhuber (vmtl. 1913?)


 
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Pfafflar / Todessturz (1949)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 28.09.2021, 20:49:49 »
Aus der Tiroler Bauern-Zeitung vom 27. Okt. 1949

Bschlabs. (T o d e s s t u r z.) Am 20. Oktober stürzte der 18jährige, einzige Bauernsohn Erhard Lechleitner aus Bschlabs, auf der Fahrt zum Arbeitsplatz an der Baustelle der Bodener Straße beim Absteigen vor den Augen seiner Arbeitskameraden 40 Meter über die Felsabstürze und noch weiter 60 Meter bis ins Bachbett. Die Kameraden nahmen sich sofort seiner an und holten Hilfe aus dem Dorfe. Auch der Kaplan begab sich zur Unfallstelle, um dem Verunglückten Beistand zu leisten. Unter größten Anstrengungen wurde er auf die Straße gebracht, er starb jedoch auf dem Transport in seine Heimatgemeinde.

am Weg nach Bschlabs


 

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Reutte / Der Wasserhund bei Reutte
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 26.09.2021, 23:25:27 »


Elizabeth Jane Gardner (etwa 1900) - gemeinfrei
Ho Büabla! watat it so köck,
Und machat ui vom Leach awöck,
Gar in'am Gumpa dund
Hockt schtill der zottig Wasser-Hund.
Dös ischt a fürchtig zoarnig Tiar,
As Gerbars Mohrl beasar schiar,
Bald paßt er auf der Seita hön,
Nach wieder aff dar uana dön.

Und fahra kanns's wia's Fuir so gschwind,
Doch sicht ma nix kuan Bauch no Grind,
Und wönn a Büabla zuache goht
Und bis an d'Knoda einha stoht,
Da fahrts 'n pass in 'd Füass und beißt
Und's mit si' furt in Gumpa reißt.
Mog's Büabla schreia Muattar oh!
Und hinn und pflönaa no a-so.

Des Büabla sicht sei Muattar numm,
Und numma keahrts zum Vatter um.
Gar numma kunt ös huem i's Haus,
Der Wasser-Hund der lat's it aus,
Und Wella nöhmets furt, as sinkt,
As kann numm schnaufa und dartrinkt.
Nu wöck iatz, globat am alta Maa,
Und mörket's reacht und denkat draa!
Karl von Lutterotti

Der Lech

Tatsächlich hat der Lech immer wieder Kinder mit sich genommen und zuletzt die kleinen leblosen Körper auf einer Sandbank oder eben einem Gumpen abgelegt bzw. treiben lassen. Die Matriken der lechanrainenden Orte berichten häufig von ertrunkenen Kleinkindern und Kindern, die mit ihren Freunden oder Geschwistern am Lech spielten.
Der Wasserhund und auch sein Oberlachtaler Kollege, der Bluatschink, sollten den Knirpsen den nötigen Respekt vor den reißenden Fluten dieses Wildflusses einflößen.
Trotzdem zogen die weitläufigen Schotterbänke und wilden Auen die Kinder immer wieder wie magisch an. Gab es doch soviele Spielmöglichkeiten, soviele versteckte Winkel zu entdecken.

 
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Namlos / Ein neues Bergkreuz (1932)
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 26.09.2021, 19:48:24 »
Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 25. August 1932

Ein neues Bergkreuz. Aus N a m l o s wird berichtet: Nun schaut auch von der 2551 Meter hohen Wetterspitze ein 7 Meter hohes Kreuz hernieder. Schon seit längerem trug Lehrer Rupert Lang in Namlos, ein wahrer Bergfreund, den Gedanken in sich, auf der Wetterspitze ein Kreuz zu errichten und er fand einige gleichgesinnte Menschen, die keine Mühe scheuten, diesen Gedanken auszuführen. Am Sonntag, den 21. August, um 10 Uhr vormittags entschloß man sich, den mühevollen Transport zu beginnen. Mit dem Fuhrwerk brachte man alles bis nach Fallerschein, dort wurden dann die einzelnen Teile des Kreuzes auf die Schultern der Männer geladen. Es wirkten folgende Herren mit: der obgenannte Rupert Lang, dessen Bruder Ernst Lang, Schneider in Lech-Aschau, Franz Klotz, Maler in Lech-Aschau, und Josef Singer, Frächter in Namlos. Auch Dr. Karl Schönemann aus Heidelberg, ein Pensionsgast im Gasthofe „Zur Heiterwand" in Namlos, erklärte sich dazu bereit, beim mühevollen Transport wacker mitzuhelfen, was er auch getan hat. Nicht zu vergessen sind zwei liebe Fräulein mit Namen Lisi Fuchs, Gastwirtstochter „Zur Heiterwand", und Frieda Schrötter, Bürgermeisterstochter in Namlos. Mit Freude schleppten beide Rucksäcke mit Proviant und Werkzeug von Fallerschein bis auf den Gipfel der Wetterspitze. Dank gebührt auch dem Gastwirt „Zur Heiterwand", Eduard Fuchs, der großes Interesse zeigte und die Kreuzträger kostenlos mit Wein versorgte. Um halb 3 Uhr erreichten diese den Gipfel. Nach zweistündiger anstrengender Arbeit war das Kreuz aufgestellt und verankert. So grüßt es nun herunter ins Tal zu den Erdenbürgern, von denen viele in Kummer und Sorgen durchs Leben hasten, aber das Kreuz mahnt und tröstet, es verleiht Ruhe und Frieden.

'Aus dem Skigebiet von Namlos dem einsamen Bergdorf in den Lechtaler Alpen' - Gasthof Heiterwand - Inhaber: E. Strobl (etwa 40er Jahre?)


 
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Reutte / Unglück am Herd
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 19.09.2021, 12:20:04 »
Innsbrucker Nachrichten vom 29. Juli 1891

Anna Sigl, geb. Geisenhof, 29 Jahre alt, Fabrikarbeitersgattin, in Reutte, setzte am 26. Mai vormittags, als sie in der Küche mit Waschen beschäftigt war, ihr 23 Monate altes Kind Maria, welches zu frösteln schien, auf den Herd und zwar auf eine schmale Stelle zwischen der Herdplatte und dem knapp daneben eingemauerten, mit heißem Wasser gefüllten und mit einem wackeligen, leicht umkippenden Deckel versehenen Waschkessel, dessen Rand in gleicher Ebene mit der Herdplatte liegt.

Sie kehrte für einige Momente dem Kinde den Rücken, um von einem in der Nähe stehenden Tische eine Kaffeeschale zu nehmen, und da fiel das Kind in den Waschkessel. Obwohl sie es sofort herausnahm, auch schnell ärztliche Hilfe zur Hand war, starb das Kind schon in der darauffolgenden Nacht an den erlittenen Brand­wunden. In diesem Vorgange erkannte der Gerichtshof das Vergehen gegen die Sicherheit des Lebens nach § 335 und 376 und verurtheilte die Angeklagte unter Anwendung zulässiger Milde zu 4 Wochen strengen Arrestes.




 
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Musau / Sturz in die Tiefe
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 17.09.2021, 16:23:13 »
Aus der Salzburger Chronik für Stadt und Land vom 12. Juli 1923

Füssen, 9. Juli. Der 19jährige Georg Schmied aus Schelldorf bei Kempten machte gestern mit mehreren Kameraden einen Aufstieg auf die Gernspitze. Während die einen schon auf dem Gipfel waren, hatte Schmied noch eine kurze Strecke zu klettern. Die Kameraden wollten ihm ein Seil zuwerfen. Er lehnte ihr Anbot mit den Worten ab: „Ich brauch es nicht". Im selben Augenblick sauste er mit einem ausgebrochenen Griff in die Tiefe, wo er mit zerschmettertem Kopf liegen blieb. Eine von der Musauer Alm aufgebrochene Rettungsexpedition brachte die Leiche nach sechsstündiger schwerer Arbeit dorthin.

Die Musauer Alm im September 1926 - Foto: privat


 
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Elmen / Tragisches Geschick
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 01.09.2021, 20:35:20 »
Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 16. Aug. 1921


Mütter - Käthe Kollwitz (1919)
Tragisches Geschick. Aus Elmen wird berichtet: Ein namenloses Unglück traf am 10. ds. die Familie Hammerle. Der 66jährige Hans Hammerle begab sich mit seiner 12-jährigen Ziehtochter nach seiner im Bschlabertal gelegenen Gröbenbergwies, um dort seine Heuarbeiten zu beendigen.
Gegen Mittag kehrte er zurück; bei dem sogenannten bösen Tritt am Habicheck wollte Hammerle neben dem Fußsteige befindliche Himbeeren für das Mädchen pflücken, glitt aber auf den Kieselsteinen aus und stürzte die zirka 50 bis 60 Meter hohe, senkrechte Felswand hinunter in den reißenden Streimbach, wo er an einem Stein mit total zertrümmertem Schädel und Gliedern hängen blieb und um 1 Uhr nachmittags von der Gendarmeriepatrouille Alois Papler und Josef Erhart, sowie Hermann Mayer geborgen wurde. Der Verstorbene, als großer Kinderfreund bekannt — seine Ehe blieb kinderlos — übernahm 1910 von seiner verstorbenen Schwägerin zehn Waisenkinder im Alter von 6 Wochen bis zu 16 Jahren zu Erziehung. Durch dieses große Werk der Nächstenliebe sicherte er sich ein dauerndes Andenken.


 
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Bichlbach / Mord in Bichlbach
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 29.08.2021, 21:54:51 »
Innsbrucker Nachrichten vom 27. April 1892

(Mord.) Der ledige, 28 Jahre alte Sagschneidergehilfe Johann Georg Schalk aus Wöringen in Baiern erstach am 25. ds. um 2 Uhr früh mit einem stiletartigen Messer den Bauer und Bäcker Remigius König, verehelicht, Vater von 9 Kindern, vor seinem Hause in Bichlbach, Bez. Reutte, bei ihrem gemeinschaftlichen Heimgange aus dem Wirtshause. Die unmittelbare Veranlassung ist noch nicht constatiert, das Motiv der That aber soll die schon seit längerer Zeit fortgesetzte Werbung des Schalk um eine derzeit zu Innsbruck weilende Tochter des Königs sein, von welcher der Vater nichts wissen wollte. Der Thäter wurde eingebracht, die gerichtliche Untersuchung ist im Zuge.




 
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Bach / Ein Kindsmord
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 29.08.2021, 14:02:08 »


Innsbrucker Nachrichten vom 11. Dez. 1895

Heute um 9 Uhr vormittags begann beim hiesigen k. k. Landesgerichte die Schwurgerichtshaupt-Verhandlung gegen Anna Waldvogel von Akkams, Bez. Immenstadt, in Baiern gebürtig, nach Bach im Lechthale zuständig. 25 Jahre alt, ledig. Taglöhnerin, bisher unbescholten, angeklagt des Verbrechens des Kindsmordes im Sinne der §§ 134 und 139 Str.-G. Den Vorsitz bei dieser Verhandlung führte der k k Landesgerichtsrath Dr. Bergmeister, die Anklage vertrat der k. k. Staatsanwaltssubstitut Tschurtschenthaler; die Vertheidigung hatte Dr. Pusch jun. übernommen. Als Sachverständige wohnen der Verhandlung die Herren Universitäts-Professor Dr. Karl Mayer und Universitäts-Docent Dr. Karl Ipsen bei. Die Anklage geht kurz dahin. Anna Waldvogel habe gegen ihr am 3. November 1895 nach 10 Uhr abends in der Landesgebäranstalt in Wilten lebend geborenes, außereheliches Kind männlichen Geschlechtes, in der Absicht, dasselbe zu tödten, bei der Geburt auf eine solche Art gehandelt, dass daraus der Tod des Kindes erfolgte.

Am 5. November vom Untersuchungsrichter vernommen, legte sie nach anfänglichem Leugnen ein Geständnis ab. Sie gab an, dass schon ein Kind von ihr lebe und sich bei ihrem Vater befinde, ein zweites Kind sei, 10 Tage nach der Geburt gestorben. Als sie sich heuer wieder Mutter fühlte, begab sie sich am 3. November in die Landesgebäranstalt. Als sie vor ungefähr acht Tagen von ihrem Vater fortgegangen sei - in der Zwischenzeit trieb sie sich bettelnd in Zirl und Umgebung herum - habe ihr der Vater gesagt, wenn das zu erwartende Kind sterbe, könne sie wieder nach Hause kommen, mit dem Kinde aber nicht; denn er habe genug mit dem ersten Kinde, das er verpflege. Weiter gab sie an, circa 6 Wochen früher habe ihr Vater ihr erzählt, dass der Vorsteher von Bach ihm gesagt habe, wenn er noch für ein Kind der Anna Waldvogel zahlen müsse, so schicke er sie auf 2 Jahre in das Arbeitshaus.

Sie hat nach ihrem Geständnisse auf dem Abort entbunden und das Kind auf das Sitzbrett vor die Abortöffnung gelegt. Das Kind habe geschrieen und da habe sie ihm in der Absicht, es zu tödten, mit der rechten Faust ein paar Schläge auf den Kopf versetzt. Nach diesen Schlägen habe das Kind nicht mehr geschrieen, weshalb sie dachte, es sei gestorben, und es dann in die Abortöffnung warf. Da habe das Kind wieder geschrieen und sie habe nun dasselbe durch die trichterförmige Röhre in den Abort hinabgeschoben; sie habe das Kind in die Jauche fallen und noch einen Schrei desselben gehört, worauf Ruhe eingetreten sei. Mit diesem Geständnisse stimmen auch die Erhebungen überein und durch die Obduktion der Kindsleiche ist constatiert, dass die unnatürliche Mutter mindestens zwei starke Faustschläge gegen den Kopf des Kindes geführt hat, da die Schädeldecke einen Bruch zeigte. Die Angeklagte behauptete in einem spätern Verhöre, sie habe erst auf dem Abort den Entschluss gefasst, das Kind zu tödten, nachdem es bereits auf der Welt war, weil sie sich daran erinnert habe, dass ihr Vater gesagt, sie dürfe mit dem Kinde nicht nach Hause kommen und dass der Vorsteher zu ihm vom Zwangsarbeitshause gesprochen habe. Auch bei der Hauptverhandlung bleibt die Angeklagte bei diesen Angaben stehen. Die Herren Sachverständigen erklären die Angeklagte für geistig zwar sehr beschränkt, aber dennoch zurechnungsfähig. Die Geschwornen (Obmann Herr Dr. Hugo Tschurtschenthaler hier) sprachen die Angeklagte einstimmig schuldig und der Gerichtshof verurtheilte dieselbe unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes zu 3,5 Jahren schweren Kerkers.


 
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Pflach / Ein Gemssteig im bayerischen Hochgebirge
« Letzter Beitrag von Kalle Eberle am 23.08.2021, 21:17:43 »
Aus: Kemptner Zeitung vom 1. Sep. 1857

füssen säuling pilgerschrofen
Füssen von Westen mit Säuling
Die Pracht der Hochgebirge war mir durch Bücher und Reisende so oft geschildert worden, daß ich keinen größeren Wunsch kannte, als den, mich mit eigenen Augen davon überzeugen zu können. Einige freie Tage und ein nicht übermäßig gefüllter Geldbeutel machten es mir möglich, das bayerische Hochgebirge zu besuchen. Von München reiste ich über den Starnberger See nach dem Hohenpeissenberge, und nachdem ich von dort sowohl beim Sonnen-Unter- wie Sonnen-Aufgang die weißköpfigen Riesen, die sich um die Zugspitze malerisch gruppiren, bewundert hatte, eilte ich nach Füssen, um von dort aus eine Fußtour in's Innere des Gebirges  anzutreten. Mein Plan war, von Füssen über Reutte nach Partenkirchen zu wandern, jedoch möglichst die gewöhnlichen Pfade der Menschen zu vermeiden und recht durch die Wildniß, wo nur die Gemse grast und der Steinadler horstet, zu wandern. Ich dachte mir dies zwar mit einigen Schwierigkeiten verbunden, aber doch ohne Gefahr, besonders, da ich in meiner Heimath für einen tüchtigen Bergsteiger galt, dem noch nie ein Berg zu steil oder zu hoch gewesen war.

Nachdem ich von Füssen über den Alpenrosenweg nach dem reizenden Hohenschwangau gekommen und das Schlößchen bewundert hatte, erkundigte ich mich nach dem Wege nach Reutte. Jeder, den ich fragte, wies mich natürlich auf den sogenannten Königsweg, eine prachtvolle, von König Max angelegte Chaussee, allein, das war mein Weg nicht. Ich wollte einen romantischen Weg, auf dem ich einen rechten Begriff von dem herrlichen Gebirge bekommen konnte. Endlich traf ich in dem Wirthshause zur Alpenrose einen Mann, der halb wie ein Jäger, halb wie ein Bauer, jedenfalls aber sehr romantisch aussah und der mir einen andern Weg recht durch die wildesten Partieen des Gebirges angab.

"Wenn du halt einen aparten Weg haben willst," sagte er, "so geh den Gemssteig, er ist zwar a Bissel steil und auch an manchen Stellen verschüttet, allein mit einem Führer geht's schon." Auf meine Frage, was der Gemssteig sei, setzte man mir auseinander, es sein ein Pfad den König Max "zur bequemeren Ausübung der Gemsjagd" an den Abhängen des Säuling und der in der Nähe liegenden Berge habe anlegen lassen und der allerdings für einen Gemsjäger ziemlich bequem sei. Da ich hörte, der Weg sei angelegt, und ich mir auch mindestens so viel zutraute, wie so ein städtischer Gemsjäger, für welche der Weg gemacht war, so verzichtete ich auf jeden Führer.

Gestärkt durch ein gutes Frühstück, machte ich mich trotz aller Warnungen, nicht allein zu gehen, gegen zehn Uhr auf den Weg. Sanft zog sich der Weg, der überall ganz geebnet war, von den Ufern des Alpsee's empor, jede kleine Schlucht war zierlich überbrückt, und alle zehn Minuten lud eine Bank an einem Punkte mit neuer herrlicher Aussicht zum Ausruhen ein. Das ging wohl anderthalb Stunden an dem Abhange des Säuling so fort, Hohenschwangau erschien nur mehr als ein gelblicher Punkt, und der Alp- und Schwansee als zwei kleine Lachen. Der Weg wurde nun allmählich steiler, jedoch noch immer ganz gangbar; allerdings kamen manchmal Stellen, wo durch das Herabstürzen eines Felsens oder durch einen kleinen Gießbach der Weg auf eine kurze Strecke unterbrochen war, allein solche Passagen machten mir Vergnügen, und mit Stolz blickte ich hinter mich, wenn ich mittels meines großen Alpenstockes eine derartige Schwierigkeit überwunden hatte. Die zierlichen Brücken hatten sich längst in einfache Baumstämme verwandelt, über die ich öfters, um keinen Schwindel zu bekommen, rittlings rutschen mußte. So ging's beinahe zwei Stunden lang fort. Schon wiegte ich mich in dem Traume, bald Gemsen zu sehen, und bedauerte nur, mein gutes Jagdgewehr nicht auf den Schultern zu haben, da endete der Weg, der schon öfters ganz dicht an den steilen Felsen vorbeigeführt, plötzlich.

Eine Felswand machte jedes weitere Vordringen unmöglich. Nach längerem Hin- und Hersuchen fand ich eine Spalte im Felsen, in welcher unverkennbare, roh ausgehauene Stufen in die Höhe führten. Mein Entschluß war schnell gefaßt, ich kletterte zwanzig Fuß in der Spalte hinauf und kam dann auf ein großes, weites Feld von Steingerölle, eine sogenannte Roffel (?), die oben ringsum von majestätischen Felsen begrenzt wurde. Ich kletterte weiter, bald sah ich jedoch ein, daß das Weiterklettern ohne Zweck war, denn der steile Felsen oben bot keinen Ausgang. Ich wollte nun zurück; ich drehte mich um, allein der Blick in die Tiefe machte mich grausen, ich befand mich auf einem Felsvorsprunge, und Hunderte von Fuß ging's herunter, ich mußte mir die Augen zuhalten, um nicht von einem unwiderstehlichen Schwindel befallen zu werden. Wie wollte ich meine Felsspalte, an der ich hinaufgeklettert war, wieder finden, wenn schon jeder Schritt, den ich, mindestens zehn Meter vom Felsrande entfernt, hinunter machte, mich unwiderstehlich in den Abgrund zu ziehen schien! Und dann, wenn ich die Spalte gefunden, konnte ich dieselbe, die ich mit der größten Mühe hinaufgeklettert war, auch wieder herunter klettern? Ich war wie vernichtet. Dazu kam eine unerträgliche Hitze; jeder Sonnenstrahl wurde von der Felswand wiedergestrahlt.

Ein fürchterlicher Durst plagte mich, und meine Feldflasche enthielt längst keinen Tropfen mehr. Doch ich ermannte mich, ich dachte, wo andere Menschen gewesen seien und einen Ausweg gefunden hätten, da würde auch ich wohl einen Ausweg finden. Drei Stunden suchte ich vergebens. Vor mir Felsen, unter mir Felsen, und zu beiden Seiten tiefe, von wilden Gießbächen zerrissene Schluchten. Ich ließ meine Stimme nach allen Himmelsgegenden hin erschallen, mir antwortete nur das Echo; sonst war alles todtenstill, nur die Raubvögel, die in einem Felsen vor mir nisteten, kreischten, als freuten sie sich schon auf ihre Beute. Der Muth war mir gesunken, ich saß auf einem Felsblock und machte meinem gepreßten Herzen durch Thränen Luft. Da sah ich plötzlich, wie die Schatten der Berge länger wurden, wie der Schnee, vergoldet von der Sonne, eine andere Färbung annahm. Der Gedanke, allein und verlassen, von Hunger und Durst geplagt, in diesem Steinmeer die Nacht zubringen zu müssen, ermunterte mich zu einer neuen Kraftanstrengung.

An dem Felsen, der mir oben den Ausgang sperrte, war ich an der linken Seite, wo er sich an die tiefe Schlucht anschloß, noch nicht ganz bis oben hinaufgeklettert. Mit unsäglicher Mühe gelangte ich nach einer Anstrengung von drei Viertelstunden dorthin. Ich fand, daß das Steingerölle sich etwas um den Felsen herumzog und allmählich die Schlucht, die tiefer unten mich angähnte, ausfüllte und daß ich dort weiter hinaufklettern konnte. Weiter ging's von einem Felsblock zum andern, immer mehr schloß sich die wilde Schlucht, auf einmal lachte mir grüner Rasen entgegen; ich fand Spuren von Rindvieh. Neuer Muth, neue Hoffnung stärkten mich zu erneuten Anstrengungen. Wo die Kuh, und wäre es auch die gewandteste Alpenkuh, hinklettern kann, da hoffte auch ich mir Bahn hin brechen zu können. Mochte mir auch die Zunge am Gaumen kleben, mochten auch die Füße mir die fürchterlichsten Schmerzen bereiten, mochte auch die Lunge beinahe meine Brust sprengen, stets ging es aufwärts.

Bald ermunterte mich das Klingen der Viehglöckchen, ich drang weiter vor. Wie erfreute mich der erste Anblick einer weidenden Kuh! Ich sah endlich in einiger Entfernung ein Hütte. Damit war aber auch meine Kraft gebrochen; plötzlich glaubte ich, es ströme all mein Blut in meiner Brust und in meinem Kopfe zusammen, mir wurde dunkel vor den Augen, ich verlor das Bewußtsein.

Wie lange ich so da gelegen haben mag, kann ich nicht sagen, ein frischer Wind belebte mich wieder, und an einigen rothen Wölkchen, die hoch über dem Gebirge schwebten, erkannte ich, daß die Sonne längst untergegangen. Ich wußte mir kaum zu erklären, wie ich auf die schwindelnde Höhe hinaufgekommen war, allein der brennende Durst, der mich noch immer schrecklich quälte, führte bald Alles in mein Gedächtniß zurück, was ich an dem Tage schon erlebt und ausgestanden hatte. Ich erkannte im Halbdunkel in der Entfernung die Hütte und schleppte mich dahin. Bei offener Thür fand ich in derselben einen Mann und zwei Kinder. Mein erstes Wort war "Wasser". Der Mann sah mich ruhig an und sagte dann: "Ich geb' dir kein Wasser, es wär dein Tod; setz dich," damit räumte er mir seinen Stuhl ein, "ich hol' dir eine Milch von der Kuh." Ich wurde nun erst recht aufmerksam auf meinen Zustand; mein fliegender Puls, meine hochathmende Brust sagten mir, daß der Naturmensch meinen Zustand sogleich erkannt hatte; ich fieberte stark.

Bald kam der Senner mit frischer Milch wieder. "Sie ist halt nicht für den Durst," sagte er, "beruhigt aber ein wenig." Ich trank ein wenig. Der Mann plagte mich nicht mit unnützen Fragen, er wußte, daß Ruhe mein nothwenigstes Bedürfniß war. Als meine Brust ruhiger war und mein Puls weniger heftig schlug, begann er: "Thust mir leid, daß du bist hinaufkommen. Ich hab' nichts heroben." - O, sagte ich, ich bin leicht befriedigt, ein Stück Brod und ein Trunk frischen Wassers genügt mir. - "Brod hab' ich eben keins, ich kann dir nichts geben, wie a Käs, a Butter und a Milch. Halt, da fällt mir was ein, ich mach' dir 'nen Schmarren. Wenn du den gegessen hast, darfst du auch Wasser trinken."

Geschäftig nahm er nun einen, mit vorweltlichem Schmutz überzogenen Topf, stellte ihn an's Feuer und begann nun von Mehl und Butter eine Speise zu bereiten, wofür ich aus unserer Kochkunst keinen Vergleich wüßte, denn er fabrizirte Mehlklümpchen, die dann von der Butter durchdrungen wurden. Der Schmarren wurde mir vorgesetzt, allein ich konnte nur einige Bissen davon hinunter würgen, obschon ich mir alle Mühe gab. In dem Topfe mußten noch alle möglichen ranzigen Reste von Butter gesteckt haben, die dem Ganzen einen etwas pikanten Geschmack gaben. Ich hatte jedoch den Vortheil davon, daß ich Wasser trinken durfte. Der gute Mann hatte aber sicher Recht, wenn er mir früher das Wasser versagt hatte, denn es war eiskalt und würde bei meinem aufgeregten Zustande leicht einen Schlaganfall herbeigeführt haben. Glücklicher Weise fiel mir nun auch ein, daß ich einige Stückchen Chokolade noch in meinem Reisetäschchen hatte. Schnell setzte ich einen Topf, den ich übrigens vorher an der Quelle möglichst reinigte, an's Feuer und kochte mir mit der herrlichen Milch eine Chokolade, die mir ganz ausgezeichnet mundete; ein Stück Käse, jedoch ohne Butter, als Zugabe, vollendete die Abendmahlzeit. Nun plauderte ich gemüthlich mit meinem Wirthe; er meinte, mein Schutzengel müßte mich beschützt haben, daß ich nicht verstürzt sei; erst voriges Jahr habe ein kühner Wilddieb dort seinen Tod gefunden.

Nun kam die Zeit des Schlafens. Ein Bett war nicht vorhanden. Der gute Mann wollte mir alle möglichen alten Säcke und Lumpen, nebst seinem besten Wamms zum Lager geben und konnte kaum begreifen, daß ich es vorzog, auf dem Heu zu schlafen. Ich schlief sehr unruhig, meine Nerven waren zu aufgeregt, und darum war ich schon mit Tagesanbruch auf den Beinen und genoß nun allerdings einen Anblick, der mich die vergangenen Leiden vergessen ließ. Als ich so im Anschauen des Gebirges versunken war, klopfte mir mein Wirth plötzlich auf die Schulter, indem er sagte: "Nu, es freut mi, daß du gesund bist. Mir hat diese Nacht träumt, du seist krank. Da litt's mir nicht länger, ich bin aufgestanden und hab nach dir geschaut und ich war froh, wie ich merkt, daß dein Brust ruhig ging. Wie du gestern kamst, sahst du bös aus; ich dacht, du bekämst ein schlimmes Fieber."

Ich nahm Abschied von meinem guten Hauswirthe, Geld nehmen wollte er nicht, das Einzige, was er nicht ablehnte, war, daß ich ihm beim Krämer unten im Thal zwei Pfund Tabak kaufen sollte à 12 kr. das Pfund. Sein ältester Junge führte mich nach manchem herzlichen "Gott behüt dich", den Berg hinunter. Jetzt bekam ich eigentlich erst einen Begriff davon, in welcher Gefahr ich geschwebt hatte; ich sah deutlich, wie ich allmählich auf einer ziemlich breiten Terrasse einen senkrechten Felsen von 2- bis 300 Fuß erklettert hatte. In einem kleinen Orte vor Reutte angelangt, kaufte ich dem Knaben so viel Tabak, als er tragen konnte, und bezahlte dem guten Senner seine Schuldenlast von - 48 kr. beim Krämer. Dem Knaben gab ich noch einige Kleinigkeiten und ging dann nach Reutte, wo ich mich im Gasthofe zur Post bei einem guten Glase Ungarwein von meinen Strapazen erholte. Ich habe übrigens den festen Entschluß gefaßt, im Hochgebirge nie mehr ohne Führer größere Bergpartien zu machen.

 
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