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Als die Ritsche verschwand

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Offline Kalle Eberle

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Allgemeiner Tiroler Anzeiger vom 29. April 1936

reutte obermarkt
im Obermarkt ist die Ritsche 1915 bereits verbaut - übrig geblieben sind die Brunnen

reutte untermarkt 1937Kanalisierungsarbeiten im Untermarkt (Beginn 1936)
Mit der Kanalisierung in Reutte — so schreibt man uns — verschwindet die Ritsche, die sich schon seit Jahrhunderten mitten durch den Markt zieht. Sie schlängelt in vielen Biegungen von der Lähn bei Reutte zur Neumühle herunter und führt in einem weiten Bogen durch die ebenen Felder ihre Wassermassen bis an den Markteingang, an die Kög, heran. Dort wird sie unterirdisch weitergeleitet längs der Straße, am Lindenbaum vorbei und bleibt unsichtbar bis zum Gebäude des Elektrizitätswerkes, von wo sie als offenes Bächlein sich an der Hauptstraße entlang ein Stück weit durch die Au zieht und sich dann wieder in die Felder ergießt, um endlich in den Lech zu münden.

Wenn wir heute durch die Straße des Marktes schlendern und an die Kanalisierungsbauten stoßen, so sehen wir an der Straße eine Menge ausgehobener Steine liegen. Es ist interessant zu wissen, daß diese Steine zu einem beträchtlichen Teil von der altehrwürdigen und sagenumwobenen Festung auf der Klause bei der Ruine Ehrenberg stammen. Ge­nau wie dies dürfte auch ein Großteil der Reuttener und Außferner Bevölkerung nicht wissen, daß die Ritsche nicht immer das gleiche Bild zur Schau trug wie jetzt. Früher war sie mit Holz ausgetäfelt, was auch heute noch an manchen Stellen sichtbar ist. Die Ritsche floß bis weit in das letzte Jahrhundert herauf offen durch Reutte, in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde dann ihre Ueberdeckung vollendet.

Die Ansicht eines Heimatforschers, daß die Ritsche erst Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut worden sei, entspricht wohl nicht den Tatsachen, da bereits im Jahre 1635 eine Beschwerde beim Gericht Ehrenberg eingebracht wurde. Darin wird angeführt, daß das Wasser der Ritsche in das Haus des J. Schneider im Obermarkt (heute ist dieses Haus im Besitze des Schneidermeisters A. Kögl) eindringe und besonders im Keller einbreche, weshalb der Besitzer die hohe Obrigkeit um baldige Abhilfe bitte. Bis in einem Jahre wird man in Reutte von der Ritsche wohl nicht mehr viel sehen und die heran­wachsende Generation wird nach Jahren kaum mehr wissen, daß sich einst mitten durch Reutte ein Bach hinzog, unterirdisch geleitet, der den dringenden Anforderungen der Neuzeit weichen mußte.
« Letzte Änderung: 14.11.2021, 11:00:49 von Kalle Eberle »


 

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