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die Reise über Plansee und Neidernach (1871)

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Offline Kalle Eberle

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    • das 'alte' Außerfern
Aus: Vierteljahrschrift für die praktische Heilkunde (1871)
kaiserbrunnen kaiserbrünnele plansee

...der Markt Reuthe würde sich wohl auch zur Sommerfrische eignen, und zwar um so eher, als man auf „der Post“ sehr gut aufgehoben ist und man die herrlichsten Ausflüge machen kann. Nur etwa 10 Minuten von Reuthe liegt das ganz vernachlässigte Bad „Krekelmoos“, dessen nächste Umgebung so langweilig ist, dass eine Wiederbelebung dieser Anstalt sich nicht der Mühe lohnen würde. Eilen wir am Bade vorbei die prächtige Waldstrasse hinauf, die Stuibenfälle links lassend zu den untereinander und mit dem Heiterwangersee zusammenhängenden Planseen, von denen der grössere, der zweitgrösste See Tyrols, viele Lachsforellen (Salmo Trutta), Salblinge (Salmo Salvelinus), Renken (Salmo lavareta) und in den ein- und ausmündenden Bächen Goldforellen enthält. Es gibt kaum eine prachtvollere und zugleich anmuthigere Parthie als diese Fahrt längs der Planseen und dann durch das Neuderachthal nach Partenkirchen.

Tiefste Waldeseinsamkeit umgibt uns; nur die Strasse findet Raum neben dem von hohen, zum Theil bewaldeten Gebirgen eingefassten dunkelblauen See; keine menschliche Wohnung zeigt, kein menschliches Leben regt sich, wenn nicht etwa zufällig andere Reisende, die von Partenkirchen kommen, mit uns zusammentreffen. Todesstille umfängt uns; jetzt aber plätschert das Wasser eines laufenden Brunnens, der am Rande der Strasse steht, ein schönes Monument, das König Max von Baiern zum Andenken an König Ludwig von Baiern errichten liess. Eine halbe Stunde später gelangen wir zum Finanz- und Jägerhaus; die bisher schöne Chaussée wandelt sich in einen schlechten Fahrweg um; noch begegnen wir, in den Wald einfahrend, einer elenden Kohlenhütte, umfahren nun das östliche Ende des grossen Plansees und vertiefen uns ganz in eine herrliche üppige Waldnatur; leise gleiten die Räder über den weichen Waldboden dahin, unsere Phantasie versetzt uns in die Zeiten der Ritter von der Tafelrunde, in die Märchenwelt Wielands, allein wir begegnen weder badenden Nymphen noch Zauberinnen, weder schrecklichen Riesen, noch zu erlösenden Edelfräuleins, und statt verzauberter Menschen springen neugierige Kühe herbei, um Spalier zu bilden und zu forschen, was für vorwitzige Menschen ihr jungfräuliches Waldrevier zu betreten wagen.

Wir kreuzen nun den Schellenbach; ein entsetzlich steiniger, höchst steiler Weg führt uns in verschiedenen jähen Curven an den wilden Neuderachbach hinunter, und wir bewundern nur Kutscher und Pferde – denn dieser schmale Weg wird auch von Zweispännern befahren – welche uns mit heiler Haut hinuntergebracht haben.
Endlich erreichen wir das Gränzhaus Griesen, wo wir einige Erfrischungen bekommen können. Fünf Stunden haben wir nun Waldesluft und Waldesdüfte geathmet...


das Hotel Forelle am Plansee mit der alten Zollstation - Holzstich von H. Nisle (ca. 1885)


 
« Letzte Änderung: 15.08.2021, 16:52:39 von Kalle Eberle »


 

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