chronist.verren.at

Rinder, im Schnee geboren (1950)

0 User und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline Kalle Eberle

  • Administrator
  • *****
    • Beiträge: 268
    • das 'alte' Außerfern
Aus: Oberösterreichische Nachrichten vom 10. Juli 1950

Andächtige Stille herrscht in dem gut besetzten Saal. Eine hohe, hagere Gestalt steht am Rednerpult: ein Tiroler Bauer. Seine Sprache ist klar, aber hart und überzeugt klingt seine Stimme: »Und jetzt wünsche ich allen Erfolg, die mutig sind und an die Sache glauben!« Er hat geendet.
Die Zuhörer erheben sich und verlassen den Saal. Aber schon entspinnt sich unter ihnen eine lebhafte Debatte über das eben Gehörte: »Die naturgemäße Viehhaltung!«

Ein für Mitteleuropa sensationeller Umsturz in der Viehhaltung, mit phantastischen Beweisen des Erfolges belegt, beunruhigt die Landwirte. Sie sehen sich durch die Worte des Redners wieder in den Winter zurückversetzt.

Schneidende Kälte umsaust die Häuser. Auch in Nordtirol, im Orte Tannheim, knirscht der Schnee unter den Schuhen. Ein Holz»stall«, der kein Stall im gewöhnlichen Sinne ist, erregt Aufsehen. Denn nur eine brusthohe Holzwand ersetzt die Mauer, über der auf Säulen das Dach ruht. Schnee fegt durch den Stall. Die Kühe liegen, wiederkäuend, ruhig an ihren Plätzen. Da erhebt sich eine von ihnen. Die Konturen des Tierleibes verbleiben im Schnee.

Die Bauern, die an dem »Stall« vorübergingen, ballten die Faust. »Tierquälerei!« Und die Anzeige wurde erstattet. Die Leute im Dorf kehrten ihrem einstigen Bürgermeister den Rücken. Einsam wurde es um den Bauern Grad. Schwer kämpfte er gegen die Feinde seiner Methode, bis er endlich Freunde fand; denn seine Erfolge bürgten für das Gute seiner Sache. Anfangs gingen ihm kränkliche Tiere ein. Schon glaubten seine Feinde gesiegt zu haben, da fand Grad, daß er einen Fehler begangen hatte. Er sah, daß er seine Tiere zu wenig hart hielt und »verbesserte« seinen Stall. Das Kompromiß wäre der Tod der naturgemäßen Viehhaltung gewesen.

Ein Jahrzehnt ist seither vergangen. Während der Tiroler Bauer ruhig und ohne zu zögern den Diskussionsrednern antwortet, weidet sein Vieh auf der Alm. Stark und kräftig gebaut, sucht es mühelos sein Futter. Ein Vieh, das im Schnee geboren wurde und nie den Dunst geschlossener Ställe gerochen hatte, ein Vieh, das keinen Tierarzt kennt, nennt der Bauer Grad sein eigen. Mit großen Gewichtszunahmen kommen die Jungtiere alljährlich im Herbst von der Alm. Die Milchleistung der Kühe erfährt durch den Auftrieb auf die Alm keine Minderung. Grad ist bekannt, die leistungsfähigsten Tiere zu besitzen.

In Nordamerika mit seinen leistungsfähigen Farmen ist die Methode der Freistallhaltung seit längerem bekannt. Die Amerikaner hatten Erfolg und die Fachpresse kommentiert positiv. Auch in Rußland beginnt man, Kälber naturgemäß aufzuziehen; denn so mancher Fachmann hat die durch verweichlichte Haltung entstandenen Gefahren erkannt. In so mancher Herde wütet die Tuberkulose. Schädliche Stallgase, wie Ammoniak, schädigen den Körper von Mensch und Tier.

Leistungsfähige, langlebige Zuchttiere, gefeit gegen jede Krankheit, der Wunschtraum der Landwirte, er ging in Erfüllung.


Tannheim und die St.-Nikolaus-Kirche in den 50er Jahren - Foto: privat


 


Offline Kalle Eberle

  • Administrator
  • *****
    • Beiträge: 268
    • das 'alte' Außerfern
In den Ausserferner Nachrichten vom 4. September 1954 ist folgende Überschrift zu lesen:
Zehntausende besuchen Bauernapostel Grad

...und es sollen sich pro Woche bis zu 1000 Besucher auf dem Hof Grad's einfinden um mehr über die Haltung von Rindern in Freiluftställen zu erfahren.

Grad hatte bereits 1941 damit begonnen, seinen Hof als einen Freiluftstall umzubauen und zunächst nur Spott und Misstrauen in seinem Umfeld geerntet. Er übernahm diese Methode der Viehhaltung von Prof. Dr. Rudolf Ohl aus Jena, dem Leiter der dort ansässigen Lehr- und Versuchsanstalt für Viehhaltung.


 

SimplePortal 2.3.7 © 2008-2022, SimplePortal